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Schwäbische Alb: Schloss Lichtenstein

Das berühmte Schloss Lichtenstein steht am Albtrauf, hoch über dem Echaztal und nur wenige Kilometer von Reutlingen entfernt. Es wurde im Stil des romantischen Historismus Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut.

Besuche: März 2022 | November 2010


12.03.2022 – Besuch beim Märchenschloss

Im Biedermeier schwelgte man in Romantik und träumte von der guten alten Zeit. Das Mittelalter und die Ritterzeit wurden glorifiziert. Kultur und Kunst bedienten diese Sehnsucht nach Idylle und heiler Welt. Der Dichter Wilhelm Hauff ließ sich für seinen Roman „Lichtenstein“ von den Legenden inspirieren, die sich um eine Burg gleichen Namens gesponnen hatten. Von dieser jedoch hatten nur Mauerreste die Zeiten überdauert. Ein Vetter des Königs von Württemberg kaufte das in der Nähe der Ruinen befindliche Forsthaus samt umgebenem Gelände und machte sich daran, seinen Traum von einer eigenen Ritterburg zu verwirklichen. Eine neue Burg Lichtenstein sollte entstehen – mittelalterlich, romantisch und auch ein wenig patriotisch. 1842 war das Werk vollbracht und Graf Wilhelm brachte seine gesammelten Rüstungen, Kanonen und Kunstwerke zum Schloss. Damit ist in aller Kürze die Vorgeschichte erzählt, nur eine wichtige Sache ist noch unerwähnt: Das Schloss mit seinem Turm auf einem Felsen direkt am Abgrund ist wirklich märchenhaft schön und zählt zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten auf der Schwäbischen Alb und in ganz Baden-Württemberg.

Wir waren bereits vor mehr als zehn Jahren beim Schloss Lichtenstein. Damals war Herbst, diesmal naht der Frühling, doch das Wetter ist ähnlich feucht und kühl. Damals hatten wir uns die Innenräume des Schlosses angeschaut, diesmal verzichten wir auf eine Führung, denn die Corona-Auflagen verlangen nach Impfzertifikat, aktuellem Schnelltest und Maske. Alles Mühsal, die doch nicht verhindern kann, dass eine Menschentraube sich durch die Flure drängt und die Forderung Abstand zu halten sich als leere Floskel erweist. Der Verzicht fällt uns leicht, wir erinnern uns noch gut an das blaue Sternengewölbe der Schlosskapelle, die deftigen Wandsprüche in der Trinkhalle und das Bild des treffsicheren Schützen im Treppenhaus. Abgesehen davon geben sich auf dem Schlossgelände die reizvollen Aus- und Anblicke unablässig die Hand.

Hohe Mauern, Wehrgänge, Gräben und Türmchen machen das Schloss zur Burg und natürlich darf eine Sammlung von Kriegsgerät nicht fehlen. Ein Stück weiter des Weges gibt es einen mit einer Mauer gesicherter Felsvorsprung. Von hier bietet sich der ultimative Postkartenblick auf das Schloss, wie es mit seinen Fundamenten den Felsen umklammert hält, jeden Millimeter Boden nutzt, der schroffen Tiefe trotzt und seinen weißen Turm stolz in den Himmel reckt. Ein schwebendes Märchenschloss, nur durch eine hölzerne Zugbrücke mit der wirklichen Welt verbunden. Um sich hier Prinzen auf weißen Pferden und Königstöchter in goldenen Kutschen vorzustellen, bedarf es keiner Mühe. Fast meint man, von den Torzinnen Fanfarenrufe zu hören.

Wieder ein paar Schritte weiter, auf dem nächsten Felsen am Abgrund, wird mit einem Denkmal der geehrt, ohne den es an dieser Stelle keinen Schlossturm geben würde: Wilhelm Hauff.

Was ich sagen will: Der Spaziergang entlang der Wege ist schön und abwechslungsreich. Überall gibt es interessante Details und dekorative Elemente zu entdecken, die alle danach rufen, betrachtet und fotografiert zu werden. Das ist nicht überraschend, ist doch alles hier arrangierte Kulisse. Nichts ist Mittelalter, alles ist idealisierte Nachahmung. Aber auch das muss man in dieser Perfektion erst einmal hinbekommen.

Einem der Ritter vom Lichtenstein kann man auf dem Weg vom Parkplatz zum Burgtor betrachten. Dort steht er, lebensgroß, mit ernstem Blick, aus Holz geschnitzt, in voller Rüstung, Schwert und Schild kampfbereit in den Händen. Ich habe ihm versprochen, dass ich mich sehen lasse, wenn ich wieder einmal in der Nähe bin.


13. November 2010 – Burgenromantik am Albtrauf

Das Echaztal, gleich hinter Reutlingen, hat steile Flanken. Und gerade da, wo der Einschnitt in die Schwäbische Alb sich am schroffsten bricht, steht hoch oben ein Schloss mit weißem Turm auf einem Felsvorsprung und scheint über dem Abgrund zu schweben. Munterer Herbstwind und schnell treibende Wolken begrüßen uns am Schloss Lichtenstein und klare Luft sorgt für einen spektakulären Weitblick. Auf dem Berg sind wir rund 800 Meter über dem Meeresspiegel und in der Ferne ist sogar Stuttgart zu sehen.

Das Schloss ist einer Ritterburg nachempfunden. Es wurde zur Zeit der Romantik errichtet, als das Mittelalter mit Legenden, Heldentaten und Ritterkämpfen zur guten alten Zeit verklärt wurde. Wilhelm Hauff, heißt es, habe mit seinem Roman „Lichtenstein“ an die Geschichte dieses Ortes erinnert. Bereits da waren von der alten Burg an dieser Stelle nur noch Fundamente zu finden. Sie genügten als Inspiration und Wilhelm Graf von Württemberg machte sich daran, auf dem Felsen ein neugotisches Märchenschloss bauen zu lassen. Dabei wurde alles aufgegriffen, was Mitte des 19. Jahrhunderts an romantischen Vorstellungen über die Ritterzeit verbreitet war. Das Ensemble zieht uns sofort in seinen Bann, denn bis hin zu Park und Figurenschmuck ist alles prachtvoll, imposant, harmonisch – eben märchenhaft. Eine filmreife Illusion, die die Fantasie beflügelt.

Eine hölzerne Brücke führt vom Burghof zum Schlosstor hinüber. Die Mauern erheben sich direkt auf dem Felskragen, sind bis an den Abgrund gebaut. Wir schließen uns einer Führung an, die sich gerade im kleinen Burghof sammelt. In der Waffenhalle ragt der nackte Felsen bis in den Raum, die kleine Schlosskapelle beeindruckt uns mit goldenem Sternenhimmel an der Decke und Glasmalereien an den Fenstern. Die Trinkstube, so vermittelt sich glaubhaft, heißt nicht nur so, sie wurde auch für diesen Zweck genutzt. Denn das Schloss war nicht nur dafür gedacht, Sammlungen aufzunehmen, es wurde auch genutzt und bewohnt. Wir lassen uns erzählen, welche Funktion die fröhlichen Herrengelage dem kleinen Balkon zugedachten, was es mit der überdimensionalen Sektflöte auf sich hat, und entziffern die derben Trinksprüche an den Wänden.

Königszimmer, Wappensaal, Rittersaal – der Rundgang führt durch reich bemalte und üppig ausgestattete Räume und endet im Treppenhaus vor dem Bild mit dem Schützen von Lichtenstein, der mit seiner Armbrust den Betrachter unentrinnbar anvisiert. Ein imposanter Effekt.

Neben der Besichtigung des Schlosses und der Burganlage lohnt auch ein Abstecher zu den Ruinen der alten Burg Lichtenstein. Sie wurde im 14. Jahrhundert im Schwäbischen Städtekrieg von den Reutlingern zerstört und danach aufgegeben. Nur noch wenige Mauerreste sind zu sehen, bieten aber eine gute Gelegenheit, die romantischen Gedanken an das Mittelalter etwas zu relativieren. Hier wurde verwüstet, gefochten, gemordet – und den ewigen Ruhm der heldenhaften Streiter hat die Zeit hinweggefegt wie der Wind das Herbstlaub.

(c) Lutz Schafstädt – 2023
Unterwegs – Ausflüge und Reiseerinnerungen

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