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“Zwischenfall im Advent”

Eine Kurzgeschichte für die Weihnachtszeit

Die Stadtrandsiedlung hüllte sich in Weihnachtsglanz. Pünktlich zum ersten Advent wurde der Festschmuck aus Supermärkten herangeschleppt, dunklen Kellerecken entrissen und in verstaubten Kisten wiederentdeckt. Er eroberte die Stuben, drückte sich funkelnd gegen die Fenster, erfasste Dächer und Giebel. Schließlich sprang er auf die Vorgärten über und Lichterketten überwucherten alles, was Zweige hatte.

Wo das wohl noch hin führt, dachte Polizeimeister Kühn, während er eine Leuchtgirlande am Gartenzaun befestigte. Nachdem am Vortag die Installationen der Nachbarhäuser bis an seine Grundstücksgrenzen vorgedrungen waren, hatte er handeln müssen. Der Glanz der eigenen Dekoration drohte daneben zu verblassen. Also war er nach Dienstschluss in den Baumarkt gehetzt und verlegte nun mit kalten Fingern weitere Kabel. Im Laufe der Jahre war der weihnachtliche Schmuck der Straße zu einer Attraktion für die ganze Stadt geworden. Da galt es mitzuhalten.

Nein, nicht der Leute wegen, rechtfertigte er sich immer, wenn Kollegen ihn kopfschüttelnd auf die Verschwendung hinwiesen. Ihm ginge es allein um seine beiden Kinder. Wenn sich das künstliche Firmament in ihren staunenden Augen spiegelte, war jeder Aufwand gerechtfertigt. Er schaltete den Strom ein, ging einige Schritte auf die Straße und betrachtete, mit verschränkten Armen, zufrieden sein Werk.

„Herr Kühn“, hörte er hinter sich eine aufgeregte Stimme. „Herr Kühn, kommen Sie schnell. Alles kaputt geschlagen. Es ist ungeheuerlich!“

Der sich nähernde Schatten wurde zu einer Frau, die er vom flüchtigen Sehen her kannte. Sie wohnte am Waldrand, am Ende der Straße, und er war verblüfft, dass sie seinen Namen wusste.

„Na, beruhigen Sie sich erst einmal. Was ist denn passiert?“

„Die Lämpchen! An unserer Tanne“, erklärte sie atemlos. „Jemand hat sie zerstört. Zerschossen. Eines nach dem anderen. Einfach ausgeschossen. Und der Stern an der Haustür: dasselbe!“

„Aber wer macht denn so was und vergreift sich …?“, fragte er halb erstaunt, halb zweifelnd und warf einen besorgten Blick auf das Lichtermeer vor seinem Haus.

„Genau! Sie sind doch Polizist. Sie müssen sich das ansehen.“

Er sei nicht im Dienst, wollte er ihr antworten. Sollte sie doch seine Kollegen auf dem Revier anrufen. Weil aber sehr wahrscheinlich war, dass sie maßlos übertrieb, entschied er sich, zunächst einmal selbst einen Blick auf den Schaden zu werfen. Sie gingen die Straße hinauf, vorbei an glitzernden Fenstern und Fassaden.

„Ich kann mir denken, wer zu so einer Gemeinheit fähig ist“, keuchte die Frau. „Die Meiers von nebenan. Die haben sich erst neulich beschwert. Dass unser blinkender Schneemann in ihr Schlafzimmer leuchtet. Die haben immer etwas zu meckern. Keinen Sinn für Schönheit. Haben Sie schon deren Fichte gesehen? Mickrig.“

„Nun immer langsam“, erwiderte Kühn und dachte darüber nach, ob die kleinen Wölkchen, die aus ihrem Mund strömten, wirklich nur von der Kälte verursacht wurden.

„Sie werden es schon sehen. An den Spuren.“

Ein älterer Mann kam ihnen entgegen. Schon von weitem rief er: „Das können Sie sich nicht vorstellen, was eben passiert ist!“

„Ihre Weihnachtsbeleuchtung? Kaputt?“, fragte die Frau und der Alte blieb überrascht stehen.

„Woher wissen Sie?“

„Bei uns auch. Hier, Herr Kühn. Der ist Polizist. Wir wollen gerade zum Tatort.“

„Halt, halt“, mischte Kühn sich ein. „Keine voreiligen Schlüsse. Wo wohnen Sie denn?“

„Bei mir schräg gegenüber“, übernahm die Frau das Antworten. „Oh, es ist ein Anschlag. Auf den Weihnachtsfrieden! Bestimmt sind noch mehr betroffen.“

Kühn sah, dass in etwa hundert Metern Entfernung ein weiterer Anwohner vor sein Haus trat. Was, wenn sie recht hätte? Er sollte besser seine Kollegen anrufen.

„Sie können die Attentäter vielleicht noch fassen“, trieb die Frau zur Eile an und zog an seinem Arm. „Es kann nicht lange her sein.“

„Das sind Neider, ich sag es Ihnen“, brummte der Alte. „Bestimmt aus dem Wohnblock am Kreisverkehr. Man weiß ja, was da im letzten Jahr für ein Volk einquartiert wurde. Was wissen die schon von Weihnachten. Ich hab immer gewusst, dass die irgendwann handgreiflich werden. Es gibt keine Ordnung mehr.“

„Genau!“, sagte die Frau.

„Unsinn!“, meinte Kühn. „Immer schön sachlich bleiben!“ Er spürte, dass er zu frieren begann.

Plötzlich war ein Klirren zu hören. Kurz, wie zerspringendes Glas. Kühn drehte den Kopf und sah noch, wie in dem Haus direkt neben ihnen schlagartig alle Fenster erloschen. Jeder Muskel in ihm spannte sich. Er lauschte. Da hörte er es, ein verräterisches Rascheln. Mit wenigen Schritten erreichte er den flachen Zaun, sprang darüber hinweg, stürmte auf einen Busch zu, warf sich dahinter und packte den Schatten, der sich dort zu verbergen suchte.

Es war ein Kind. Kühn war überrascht und lockerte seinen Griff. Es brauchte einige Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann erkannte er ihn.

„Tobi! Um Himmelswillen, Tobi, was machst du hier?“, flüsterte er.

Tobi wimmerte eine unverständliche Antwort.

Sein eigener Sohn. Vor dem Zaun sammelten sich die Nachbarn und erwarteten den auf frischer Tat ertappten Bösewicht. Seinen Sohn! Noch verdeckte sie der Busch, doch durch nichts ließ sich verhindern, dass sie zur Straße zurückkehren mussten.

Er tastete nach Tobis Händen, fand die Schleuder und nahm sie an sich.

„Und die Munition?“, zischte er.

Tobi zog einen zerknitterten Gefrierbeutel hervor. Er war bis zur Hälfte gefüllt mit Haselnüssen. Es gab nichts mehr zu tun als einfach aufzustehen. Er nahm seinen Sohn auf den Arm.

„Augen zu und durch“, raunte er ihm ins Ohr. Erstaunt stellte er fest, dass es ihm nicht gelang, wütend zu sein. Er fühlte sich, als hätte er selbst die Nüsse in die Schleuder gelegt. Zu Hause angekommen, würde sich diese Stimmung ganz sicher ändern.

„Es war nur ein Kinderstreich“, sagte Kühn, als er den Zaun erreicht hatte. „Sie können alle wieder in ihre Häuser gehen. Wie wir den Schaden regeln, darüber reden wir morgen.“ Mit ruhigen Schritten ging er an den Nachbarn vorbei und die Straße hinunter.

„Das ist ein Ding“, hörte er die Frau. „Mit was für Leuten man hier zusammen lebt. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Polizistensohn! Macht uns Weihnachten kaputt. Unglaublich!“

„Ich hab es ja immer gesagt, es gibt keine Ordnung mehr“, ergänzte der Alte. „Das Früchtchen hat eine gehörige Tracht Prügel verdient, aber …“

Später stand Tobi heulend mitten im Wohnzimmer. Sein Vater lief ungeduldig hin und her.

„Was hast du dir dabei gedacht?“, fragte er zum wiederholten Mal. Ein Schluchzen war die Antwort.

„Erklär mir das. Warum zerstörst du die Lichterketten?“

„Ich wollte …“

„Ja? Da bin ich aber gespannt.“

„Es ist zu viel.“

„Was ist zu viel?“

„Das Licht. Es ist zu hell!“

Der Vater verlor die Geduld. „Ach, dem Herrn ist das Licht zu hell. Und da gehst du los und knipst einfach ein paar Lampen aus?“

„Aber der Weihnachtsmann …“, plärrte Tobi wieder los.

„Ja, auf den darfst du dich dieses Jahr ganz besonders freuen. Da kannst du sicher sein.“

Tobis große Schwester Julia kam ins Wohnzimmer. „Ich glaube, ich bin an der Aktion nicht ganz unschuldig“, sagte sie.

Der Vater ließ sich in den Sessel fallen. „Du steckst mit ihm unter einer Decke?“

„Nein. Aber ich habe ihm wohl Unsinn erzählt. Ich konnte ja nicht ahnen, was er sich dann ausdenkt.“

„Klärt mich nun endlich jemand auf?“, fragte er ungeduldig.

„Tobi wollte von mir wissen, warum du immer den Weihnachtsmann spielst und nicht der richtige zu uns kommt. Da habe ich ihm erzählt, das läge an dem vielen Licht. Der Weihnachtsmann traut sich nicht zu uns, wenn es so hell ist und deshalb verkleiden sich die Eltern oder sonst wer, damit ihre Kinder nicht enttäuscht sind. Ich fand, das wäre eine hübsche Geschichte.“

Der Vater schloss für eine Sekunde die Augen und begann dann zu schmunzeln. „Ich schmücke unser Haus mit Lichtern und denke, ihr freut euch darüber. Aber nein, du erzählst ihm, ich vergraule den Weihnachtsmann. Wenn es geht, noch absichtlich!“

„Die ganze Festbeleuchtung ist doch total übertrieben. Nur Show.“

„Hätte es nicht genügt, unsere eigenen Lichter vom Zaun zu schießen?“

„Nein“, meldete sich Tobi zu Wort. „Der Weihnachtsmann kommt doch aus dem Wald. Von da bis zu uns wollte ich …“

„Hör auf“, unterbrach der Vater ihn. „Ich habe verstanden. Du gehst jetzt besser ins Bett und überlegst dir, wie du die Sache morgen den Nachbarn erklärst. Und du, junge Dame, wirst ihn begleiten.“

Zwar hatte es nur bei vier Häusern Schäden gegeben, doch der Vater bestand darauf, dass die Kinder in der ganzen Straße von Tür zu Tür gingen. Ihre Aufgabe war es, die aufregenden Tagesgespräche wieder in ruhige Bahnen zu bringen. Er selbst kümmerte sich um Ersatz für die zerschlagenen Lämpchen.

Diese Strategie hatte Erfolg, stellte er schon in den nächsten Tagen fest. Nachbarn, mit denen er bisher nie mehr als einen Gruß gewechselt hatte, sprachen ihn an. Sie äußerten sich lobend über seine Kinder, zeigten Verständnis und versicherten, dass alles gar nicht so schlimm gewesen sei. Die heile Welt der Stadtrandsiedlung hatte keinen Schaden genommen und die unübersehbare Zahl von Lichtern funkelte ungestört in die Nacht.

Da hatte Polizeimeister Kühn eine Idee.

Am Heiligen Abend erklärte er seiner Familie, dass er in diesem Jahr den Weihnachtsmann nicht vertreten würde.

„Ich weiß nicht, ob er sich aus dem Wald herauswagen wird. Wir können ihm nur die Daumen drücken und müssen Geduld haben. Mama bleibt bei mir. Ihr geht in eure Zimmer und wartet.“

Die Kinder waren irritiert, doch die Stimme des Vaters verriet, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Zögernd stiegen sie die Treppe hinauf.

Der Vater ging zur Steckerleiste neben der Haustür und schaltete die Außenbeleuchtung ab. Auch im Wohnzimmer löschte er das Licht.

„Kinder“, rief er durch das Haus. „Alle Lampen aus und ans Fenster!“

Er nahm die Hand seiner Frau, die ihn verwundert ansah.

„Komm“, sagte er, „das dürfen wir nicht verpassen.“

„Und warum schickst du die Kinder weg?“

„Glaub mir, die haben Logenplätze“, zog er sie mit sich zum Fenster.

Sie sahen zu, wie sich Haus für Haus verdunkelte, bis nur noch die matten Lichtkegel der Straßenlampen übrig waren.

„Das kann jetzt eine Weile dauern“, flüsterte er. Mit der Stille breitete sich gespannte Erwartung aus. Er war aufgeregt wie ein Kind und zog seine Frau näher an sich heran. Aufmerksam beobachtete er das in Schatten gehüllte Ende der Straße und glaubte immer wieder, Bewegungen zu erkennen.

Dann endlich begann es. Sie konnten die ersten Häuser am Waldrand zwar nicht sehen, doch das Leuchten entging ihnen nicht. Es breitete sich aus, eroberte Stück für Stück beide Seiten der Straße, in deren Mitte eine Kutsche fuhr. Sie wurde von Pferden gezogen, näherte sich langsam und hinterließ eine Spur aus Licht. Eine Gestalt schleppte Säcke vor das jeweils nächste dunkle Haus, das Sekunden später wie zum Dank in einem Festkleid erstrahlte.

„Der Kutscher und der Weihnachtsmann sind Kollegen von mir“, sagte er leise. „Pferde und Wagen hat ein Nachbar organisiert. Toll, wie alle mitziehen, oder? Bei Schnee hätten wir auch einen Schlitten haben können.“

Sie schauten zu, wie ein Sack mit Geschenken auch auf den Stufen ihres Hauses abgestellt wurde. Der Vater wartete noch, bis der Weihnachtsmann zurück an die Kutsche gegangen war und schaltete dann die Außenbeleuchtung ein.

„Frohes Fest“, sagte er und küsste seine Frau auf die Wange.

Die Kinder kamen die Treppe herunter.

„Habt ihr das gesehen“, rief Tobi. „Aber warum ist er denn nicht zu uns hereingekommen?“

„Wie es aussieht, hat er sehr viel zu tun. Vielleicht hat er im nächsten Jahr mehr Zeit“, meinte der Vater und öffnete die Haustür.

(c) Lutz Schafstädt – 2003

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