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Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer

Bertolt Brechts “Erinnerung an die Marie A.” gehört zu meinen Lieblingsgedichten. Es ist ein Lied über eine flüchtige, selbstsüchtige Liebe. Intensive Gefühle, innige Liebkosungen, die in der Erinnerung zerstieben. So ist das mit dem heißblütigem, jungen Glück unter dem Sommerhimmel. Das sind zeitlos frische Zeilen. Es heißt, Brecht habe sie während einer Zugfahrt von Augsburg nach Berlin gedichtet, als er selbst noch ein Jüngling war.

Erinnerung an die Marie A.

An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

Und auch den Kuss, ich hätt’ ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Bertolt Brecht (verfasst 1920)

Ich mag diese Strophen auch, wenn sie gesungen werden. Es gibt eine wunderbare Version von der Schauspielerin Angela Winkler, vorgetragen bei einer Veranstaltung im Berliner Ensemble 2007. Das Video davon gibt es auf YouTube – ihr werdet es finden, wenn ihr wirklich wollt. Glaubt mir, die kleine Mühe lohnt.

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