Wir sind in Guatiza, dem Zentrum des Kakteenanbaus im Nordosten der Insel, vor allem aber bekannt für den einzigartigen Schaugarten.
Juni 2018 | Lanzarote ist sehr einprägsam strukturiert. Fast scheint es, die Insel sei für ihre Besucher in thematische Regionen eingeteilt. Alles hat seinen festen Platz, meist gesellt sich ein Dorf dazu. Entlang der Ostküste, mit der Inselhauptstadt Arrecife als Mittelpunkt, bestimmt der Tourismus das Bild. Ab Yaiza beginnt nach Südwesten hin die vulkanische Einöde der Feuerberge. Ganz im Süden sind die Papagayo-Buchten mit ihren seichten Sandstränden. Im Zentrum der Insel geht es um Wein, im Norden stehen vulkanische Höhlen und Grotten im Mittelpunkt. Und im Nordosten liegt Guatiza, hier wachsen Kakteen und die werden wir uns heute anschauen.
Der Feigenkaktus – botanisch: Opuntia – gehört eigentlich nach Mittelamerika. Er kam im 19. Jahrhundert auf die Kanaren und wird nicht der Schönheit seiner Blüten oder der Süße seiner Früchte wegen hier gehegt, sondern weil er die bevorzugte Wirtspflanze der Cochenille ist. Cochenillen sind hellgrau schimmernde Schildläuse, aus denen sich ein roter Farbstoff gewinnen lässt, der bei anderen für Schönheit sorgt. Die Läuse tragen Karmin in sich, ein purpurfarbenes Sekret, das früher als begehrter Naturfarbstoff für Lippenstifte oder im Campari genutzt wurde. Die Ernte der Cochenillen verläuft recht rabiat: Die Larven der Laus, die wie graue Schimmelklumpen an den Kaktustrieben kleben, werden abgeschabt, gekocht, getrocknet und dann pulverisiert. Es liegt auf der Hand, dass Unmengen von Schildlauslarven nötig sind, um einen nennenswerten Ertrag zu erzielen. Entsprechend groß sind die Opuntien-Felder, die rund um den Ort die Hänge säumen. Heute ist diese Anbauform nicht mehr rentabel, doch noch lebt die Tradition. Für die Farbstoffe von heute sorgt anderswo, schneller und billiger die chemische Industrie.
Um den Feigenkaktus in der Trockenheit Lanzarotes anzubauen, waren die heimischen Bauern erfinderisch: Die Setzlinge bekamen ein Bett aus Vulkanasche, in der sich die Feuchtigkeit aus dem Tau der Nacht sammeln konnte. Der Weinanbau in der Inselmitte nutzt das gleiche Prinzip. Gleich am Dorfrand von Guatiza wurde das benötigte Aschegranulat, das hier meterdick die Landschaft bedeckt, in großem Stil abgebaut und eine riesige Grube entstand. Diese Mulde mit den Dimensionen eines Steinbruchs gestaltete der Künstler César Manrique zu einem Kaktusgarten um. 1989 begannen die Arbeiten, bereits zwei Jahre später wurde Eröffnung gefeiert – und entstanden war ein botanisches Kleinod: Etwa 5.000 Quadratmeter groß, mit mehr als 10.000 Pflanzen von über 1.400 verschiedenen Kakteenarten aus der ganzen Welt.
In Reiseführern steht, der Jardín de Cactus sei eine kunstvolle Kombination aus schwarzem Vulkangestein und grünen Kakteen, und César Manrique habe es einmal mehr geschafft, Kunst und Natur harmonisch miteinander zu vereinen. Das trifft uneingeschränkt zu, und wenn der Besucher idealerweise ein Faible für Gartenkunst und Botanik hat, betritt er einen Garten Eden. Der Schaugarten ist der Form eines Vulkankraters nachempfunden. Auch der Vergleich mit einem antiken Theaterrund würde passen. Die Wälle an den Seiten sind wie Zuschauerränge terrassenförmig angelegt. Sie sind in mehreren Ebenen bepflanzt und durch Wege gegliedert. Die Mitte des Rondells ist die zentrale Bühne, der eigentliche Garten, den man mit Fug und Recht auch als Park bezeichnen kann. Hier gibt es eine kleine Teichlandschaft, umgeben von prächtig bepflanzten Beeten mit Kakteen und Sukkulenten aller Arten und Größen. Das Rund komplettiert sich mit einem perfekt inszenierten Hintergrundbild: Auf einem Sockel aus aufgeschichteten Vulkanfelsen steht eine Mühle. Ihre weißgetünchten Mauern, das terrakottarote Dach und das graue Gitterraster der Windmühlenflügel heben sich strahlend gegen das Blau des Himmels ab.
Die Mühle ist die letzte ihrer Art auf Lanzarote. Früher waren sie zahlreich vertreten und stellten Gofio her – ein ehemaliges Grundnahrungsmittel auf den Kanaren, bestehend aus gemahlenen Getreidearten und Hülsenfrüchten. Die aufwendig restaurierte Mühle ist nicht nur Blickfang, sie ist voll funktionsfähig und kann besichtigt werden. Von der Gofio-Mühle aus hat man den wohl besten Blick über die gesamte Gartenanlage mit ihren Emporen und Wegen.
Wir nehmen uns für unseren Rundgang viel Zeit und erkunden jede Ecke der Kaktusarena. Wer Kakteen mag, hat hier seine wahre Freude. Dabei ist völlig unerheblich, ob man sie bei ihren botanischen Namen kennt oder weiß, wo sie wachsen. Für die grobe Orientierung gibt es kleine Schildchen am Wegesrand. Kennt ihr den Schwiegermutterstuhl? Ein sehr großer und sehr stacheliger Kugelkaktus soll so heißen, es ist sein Trivialname. Den finden viele amüsant, einige unfreundlich bis böse und alle viel eingängiger als Echinocactus, den offiziellen Fachterminus.
Die Kakteen haben uns begeistert und wir haben fotografiert, was das Zeug hält. Das macht es schwer, sich auf eine kleine Auswahl zu beschränken. Aber das Bild eines knorrigen Kaktusriesen kann die echte Begegnung mit seiner stacheligen Haut und seinen zarten Blüten ohnehin nicht ersetzen.
Siehe auch: #lanzarote2018
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