Das Museumsdorf Düppel gehört zum Ortsteil Nikolassee im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf, unmittelbar an der südlichen Stadtgrenze zu Kleinmachnow.
Topos | Krummes Fenn, so heißt die von der Eiszeit hinterlassene Landschaft aus Wald, Wiese und Tümpel im Berliner Süden. Sie ist eine geschützte Grünanlage mitten in der Stadt, die glücklicherweise nie überbaut wurde. An ihrem Rand markieren überwucherte Gleise den Verlauf der einstigen Stammbahn zwischen Zehlendorf und Potsdam. Sie ist die älteste Bahnstrecke Preußens überhaupt, verlor nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch ihre verbindende Funktion und befand sich nach dem Mauerbau mitten in den Grenzanlagen. Alles spannend und einen Spaziergang wert, doch aus der Perspektive des Museumsdorfes Düppel sind das Geschichten aus der Neuzeit. Zwischen Büschen und Bäumen führt der Weg vom Kassenhäuschen des Freilandmuseums direkt ins Mittelalter – durch das Tor einer rekonstruierten Palisadenwand, auf den Anger eines Dorfes, das hier genau so und an dieser Stelle vor über 800 Jahren gestanden haben soll.
1939 nährte der Zufallsfund von Scherben mittelalterlicher Gefäße die Vermutung, auf alte Siedlungsspuren gestoßen zu sein. Es sollte jedoch noch bis gegen Ende der 60er Jahre dauern, bis archäologische Grabungen durchgeführt wurden. Dabei kamen Fundamente, Grundrisse, Brunnen und Alltagsgegenstände zutage. Aus vielen Puzzleteilen entstand das Bild eines Dorfes, seiner Bewohner und ihrer Geschichte, die um das Jahr 1170 begann. Vermutlich gab es zunächst eine Raststation, in der Gespanne im Schutz einer Palisade übernachten und ihre Tiere versorgen konnten. Daraus wuchs eine Ansiedlung aus acht, um einen Dorfplatz angeordneten Höfen mit slawischen und deutschen Bewohnern. Sie bestand bis etwa 1230, wurde vermutlich nach der Gründung des nahen Zehlendorfs aufgegeben und geriet für Jahrhunderte in Vergessenheit.
Ab 1975 wurde begonnen, dem gewonnenen Wissen wieder eine Gestalt zu geben. Das mittelalterliche Dorf wurde mitsamt seiner Umwelt rekonstruiert und für Besucher erlebbar gemacht. Auf den freigelegten Grundrissen wuchsen wieder Lehmwände und Reetdächer, in historischer Bauweise und mit historischen Hilfsmitteln. Bei der Innenausstattung orientierte man sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen über das ländliche Leben im 12. Jahrhundert. Dazu gehörte altes Handwerk genauso wie Feldwirtschaft und Tierhaltung.
Das Museumsdorf Düppel ist ein Zentrum für experimentelle Archäologie, in dem die mittelalterliche Lebensweise nicht nur vorgestellt, sondern auch praktisch erforscht und nachempfunden wird. So gibt es einen Museumsgarten mit seltenen Wild- und Kulturpflanzen und in den Ställen grunzen rückgezüchtete Weideschweine.
April 2026 | Wir besuchen Düppel am Ostersonntag. Der Tag ist bewölkt aber mild, erst am späteren Nachmittag soll es Schauer geben. Heute ist Frühlingsfest mit Familienprogramm und erwartungsgemäß ist der Parkplatz am Freilichtmuseum bereits am Mittag randvoll. Im Dorf selbst verläuft sich das Publikum und nirgendwo gibt es Gedränge. Mir kommt es vor, als ob seit unserem letzten Besuch weitere Mittelalterhäuser gebaut wurden, doch der Eindruck kann auch täuschen. Auf dem Dorfplatz angekommen, wirkt der Blick in die Runde vertraut. Vor den Häusern und auf den Freiflächen gibt es Verkaufsstände von Honig bis Töpferwaren. Dazwischen sind Mitmachstationen der Handwerker aufgebaut, die vor allem bei Kindern großen Anklang finden. Beim Schmied wird glühendes Eisen gehämmert, beim Glasbläser entstehen farbige Osterkugeln am Stiel, Lederarmbänder werden mit Prägestempeln verziert. Außerdem gibt es Spielstationen: Stelzenlaufen, Kegeln, Eier bemalen und ein handbetriebenes Karussell. Alles mit mittelalterlichem Ambiente, auch Feuerschalen und Stockbrot fehlen nicht.
In den mittelalterlichen Hütten schauen wir uns an, wie das Landleben im 12. Jahrhundert funktionierte. Natürlich fehlen auch die Nutztiere nicht, die Schafe grasen mit ihren Lämmern auf einer Wiese gleich nebenan, die Schweine stehen vor ihrem Stall und wühlen im Dreck. Es gibt viel zu sehen, einige Mitmachangebote und Führungen für die Großen. Ein einem Zelt gibt ein Puppenspieler seine Vorstellungen, unter einem gespannten Zeltdach spielt mittelalterliche Musik, die zum Finale der Show mit ihrem Publikum zum Dorfplatz zieht und dort einen Tanzreigen veranstaltet. Es macht Spaß, einfach nur zu schauen und sich treiben zu lassen. Vermutlich war das heute nicht unser letzter Besuch.
April 2018 | Unser erster Besuch ist an einem Karfreitag. Es ist Saisoneröffnung, es gibt einen Ostermarkt, viele Mitmachstände und noch mehr Besucher. Der Schritt ins Mittelalter führt durch das Tor in der Palisade, hinter dem sich der Regen der Nacht zu einer großen Pfütze gesammelt hat. Es bleibt nur ein schmaler Trampelpfad, der sich unter zahllosen Sohlen in glitschige Pampe verwandelt hat. Vielleicht gehört das mit zur Zeitreise: Dem Schuhwerk sieht man kaum noch an, aus welchem Jahrhundert es stammt.
Wir erkunden das Dorf auf eigene Faust, schauen in alle Häuser und besuchen die Verkaufsstände. Natürlich gibt es sachkundige Führungen, doch vermittelt sich auch bei einem entspannten Rundgang, wie mühsam und doch versiert die mittelalterlichen Bewohner im Backhaus, in der Schmiede, der Töpferwerkstatt, am Webstuhl, im Getreidespeicher oder auf dem Feld für ihre Lebensgrundlagen sorgten. Es ist schon spannend, zu verstehen, wie alles, was man an Nahrung, Werkzeug, Hausrat und Kleidung benötigte, selbst beschafft und hergestellt werden musste.
Das Schmiedefeuer brennt, es wird gewebt und getöpfert. Mitglieder des Fördervereins von Düppel haben sich zeitgerecht kostümiert und machen vor den Häusern das mittelalterliche Leben lebendig, indem sie Holzfiguren schnitzen, Weidenkörbe flechten oder Getreide mahlen.
Es war für uns eine lehrreiche wie unterhaltsame Stippvisite in einer Zeit, als Berlin noch auf eine kleine Spreeinsel passte.
Siehe auch: #berlinerleben
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(c) Lutz Schafstädt – 2026
















