Los Hervideros heißt ein zerklüfteter Küstenabschnitt im Südwesten der Insel. Vulkanfelsen und Ozean treffen hier aufeinander und messen ihre Kräfte.
Juni 2018 | Wir sind im Inselwesten Richtung Süden auf der Küstenstraße unterwegs. Links schier endlose Flächen erkalteter Lava mit den Feuerbergen als Hintergrund, rechts der Atlantik, dessen Brandung gegen Felsmassive schlägt. Strand gibt es hier nicht, das Ufer ist eine Steilküste aus nacktem Gestein. Direkt neben der Straße wachsen ein paar spärliche Halme auf angewehtem Staub, alles andere ist Steinwüste. Die letzten großen Vulkanausbrüche auf Lanzarote in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts haben diesen Teil der Insel mit Lava geflutet. Das ist, mit geologischer Elle gemessen, nicht lange her.
So muss die Erde am Anbeginn der Zeit ausgesehen haben – und nur ganz langsam, tastend, mit winzigen Schritten, nahm das Leben davon Besitz. Auch hier wird es irgendwann wieder mehr als winzige Moose und Flechten geben – und das auch nur vielleicht, wenn wir den sensiblen Prozess nicht stören. Noch ist es eine abweisend wirkende, lebensfeindliche Einöde. In dieser Landschaft lässt sich vortrefflich über Urgewalten, Vergänglichkeit und Ewigkeit nachdenken. Ich empfehle, an einer einsamen Stelle anzuhalten, einfach nur über die Klippen in die Ferne zu schauen und eine Weile dem Kampf der Elemente zu lauschen. Er wird nicht enden, solange es Felsen, Wind und Meere gibt. Wir Menschen sind in diesem Wechselspiel unerheblich.
Wir kommen nach Los Hervideros. Hervideros bedeutet in etwa „kochen“, „sieden“ oder „sprudeln“. Und wie in einem überschäumenden Kessel geht es hier wirklich zu. Meer, Wind und Fels sind die Zutaten darin. Als vor dreihundert Jahren an dieser Stelle schnell fließende Lava von den Feuerbergen kommend das Meer erreichte, ließen die kalten Wellen die Außenhaut des glühenden Gesteins schlagartig erstarren. Von innen drängte der heiße Brei nach, quoll aus dem brüchigen Kokon hervor, wälzte sich ins Meer. Wasser, Feuer, Explosionen. Aus diesem Inferno wuchsen, zerbrachen und türmten sich bizarre Formationen. Schroffe Wände, Höhlen, Gasblasen. Bis eines Tages der Nachschub aus dem Vulkan ausblieb, die Eruptionen endeten und alles versteinerte.
Seither und für immer rennt die Brandung gegen die Felsen an, bricht sich in Höhlen und Spalten und schießt durch die Ritzen in die Höhe. Das Bild vom siedenden Wasserkessel passt. Bei starkem Westwind, wenn der Atlantik besonders ungestüm ist, sollen die Wellen als meterhohe schäumende Geysire zwischen den Klippen in den Himmel spritzen. Heute jedoch ist das Wetter friedlich. Trotzdem sprudelt es in der Tiefe, strömt und drängt Meerwasser durch die Spalten. Der Wasserspiegel hebt und senkt sich mit jeder Welle, als wäre die Grotte lebendig und wir schauten ihr beim Atmen zu. Ein Atem, den man auch hören kann: als Rauschen, Summen und Gurgeln, das von den Höhlenwänden zurückgeworfen und verstärkt wird.
Der Rundgang entlang der Pfade durch die Klippen ist anspruchsvoll, man kann auch gefährlich dazu sagen. Niemand darf auch nur für eine Sekunde vergessen, hier mit der Natur auf Tuchfühlung zu sein. Überall lauern Stolperfallen und Untiefen. Es gibt grob ausgebaute Wege, doch sie sind schmal und uneben, oft auch wackelig. Manche Brüstung vor dem Abgrund besteht nur aus aufgeschichteten Steinbrocken. Treppenstufen wurden bisweilen mit abenteuerlicher Steigung in den Felsen geschlagen. Nach deutschen Sicherheitsregeln würde hier kein Tourist auch nur einen Schritt machen dürfen. Trotzdem scheinen hier nur wenige Unfälle zu passieren, vielleicht auch gerade deshalb, weil sich niemand sorglos in Sicherheit wiegen kann.
Wir tapsen vorsichtig zwischen den Felsen entlang und kommen zu kleinen Plattformen und Aussichtspunkten, von denen aus wir dem Meer beim Brodeln in der Tiefe zuschauen können. Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie bei Sturm hier die Fontänen aufschäumen. Bei richtigem Wetter gibt es hier garantiert kein trockenes Plätzchen.
Siehe auch: #lanzarote2018
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(c) Lutz Schafstädt – 2026







