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Was ich für ein Vogel bin

Meine Miniaturen: Kurze Texte, kleine Ideen, spontane Gedanken – zum schnellen Lesen zwischendurch.

Ich bin abhängig beschäftigt und denke mir nichts dabei. Ich habe vertraglich eingewilligt, mich an jedem Werktag morgens hier einzufinden und zu erledigen, was man mir aufträgt. Dafür erhalte ich monatlich einen festgelegten Betrag, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreite. Essen, wohnen und so. Weil ich keine hohen Ansprüche habe, komme ich über die Runden. Mein Gehalt fühlt sich gering an, vor allem ist es immer gleich. Fleiß, Ideen oder Überstunden wirken sich nicht darauf aus, deshalb habe ich mein Verhalten entsprechend angepasst.

Zu meinen Aufgaben gehört es, Anfragen von Kunden entgegenzunehmen und weiterzuleiten. Kunden sind für mich Leute, die mit uns einen Vertrag abgeschlossen haben und in dem Glauben vorstellig werden, daraus Ansprüche auf Leistungen ableiten zu können. Was selbstredend erst gründlich mit einem umfangreichen Katalog an Vertragsklauseln abgeglichen werden muss. Man erwartet von mir, im Kundenkontakt freundliche Bestimmtheit an den Tag zu legen und verbindliche Zusagen tunlichst zu vermeiden. Entscheidungen stehen nicht in meinem Jobprofil, weshalb es für mich nur wenige Erfolgserlebnisse gibt. Am meisten freue ich mich über den Feierabend und das nun schon seit einigen Jahren.

Heute war wieder ein Kunde unzufrieden, besser gesagt, mit dem Ergebnis der Prüfung seines Anliegens nicht einverstanden. Er knallte mir das entsprechende Schreiben auf den Tisch und meinte, mich mit lautem und erbostem Wortschwall für sein Problem interessieren zu können. Natürlich ist das Alltag. Routiniert wie teilnahmslos bat ich den Schwätzer darum, sachlich zu bleiben, während ich am Terminal den Kontaktverlauf auf seinem Kundendatenblatt nach unten scrollte, um seine Beschwerde zu erfassen und dann ein Ticket für die Bearbeitung im zuständigen Bereich zu erstellen. Das dauerte zwei, drei Momente, der Herr fühlte sich ignoriert.

„Ich bin gleich bei Ihnen“, murmelte ich, darauf konzentriert, die Häkchen der Eingabemaske korrekt zu aktivieren.

Mein Gegenüber, auf der anderen Seite des Schreibtisches und nur 80 Zentimeter von mir entfernt, schien diese Aussage zu irritieren.

„Was bist du denn eigentlich für ein Vogel?“, fragte er.

Ich blickte auf, als hätte ich ein Alarmsignal vernommen. „Was ich für ein Vogel bin?“, fragte ich zurück. Dann ging alles sehr schnell. In Lichtgeschwindigkeit jagten die Gedanken durch mein Hirn.

Ein Nutzvogel, denke ich. Gibt es so etwas? Nützlich, wie domestiziertes Geflügel. Gackern und scharren. Eierkuchen, Chicken Wings und Daunenkissen. Bis zum letzten Moment ausgenutzt und ahnungslos, ja das kommt schon hin. Darüber hinaus gelandet in der schlimmsten aller Haltungsformen: Käfighaltung. Bodenhaltung zur Entspannung nur am Wochenende und Freiland als Schnupperkurs für ein paar Sommerwochen. Nein, Käfig stimmt nicht. Ich sitze hier in einer weitläufigen Halle. Designermöbel, Feng-Shui und großformatige Bilder suggerieren Kompetenz, Erfolg und Seriosität. Die Fenstersprossen und Wandstreben sind die goldenen Gitterstäbe einer prachtvollen Voliere. So bin ich wohl ein dekoratives Element im schmucken Gesamtensemble. Ein Ziervogel. Ist der nützlich? Er soll gefallen, beeindrucken, bewundert werden, vielleicht sogar ablenken, verwirren und täuschen – weiß der Geier. Geier? Die sitzen wohl eher zwei Etagen höher. Ich vollführe derweil meine einstudierten Kunststückchen, frei nach der Devise: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Ein Singvogel wäre ich gern, doch die findet man eher im Außendienst. Einmal habe ich es dort versucht. Das Trällern, Betören, Umgarnen, Locken und Fesseln liegt mir nicht, so lukrativ die Provisionen auch sind. Neben einer hübschen Stimme braucht es noch Beharrlichkeit und Biss, damit der Singsang mit einer Unterschrift belohnt wird. Fast könnte man sie für Greifvögel halten, doch die Räuber mit den härtesten Schnäbeln und schärfsten Krallen sitzen in der Finanz- und Vertragsabteilung. Das alles bin ich nicht. Vermutlich bin ich schlicht und ergreifend nur ein schräger Vogel, der nicht weiß, wo sein Platz ist. Hier ist er nicht. Der Nutzvogel an diesem Tisch sitzt mir gegenüber. Er hält sich für den König der Lüfte und merkt dabei nicht, wie er gerupft wird. Aber das werde ich ihm nicht sagen. Vielmehr sollte ich ihm für seine Frage dankbar sein.

Wie gesagt, diese Überlegungen flatterten in Lichtgeschwindigkeit vor meinem inneren Auge vorbei. Der Sekundenzeiger war unterdessen nur wenige Male weitergerückt.

„Was ich für ein Vogel bin?“, wiederholte ich die Frage und erhob mich dabei von meinem Stuhl. „Ich bin ein Zugvogel.“

Der Herr war kurz verwirrt und signalisierte dann seine Bereitschaft, das alles für einen Scherz zu halten. Ich jedoch löste mein Namensschild von der Jacke, legte es auf den Tisch und zog meinen Rucksack aus dem Schreibtischfach.

„Ich mache den Abflug. In den Süden. Seien Sie künftig achtsamer bei der Nutzung ornithologischer Redensarten.“

Das Wort Nestflüchter fiel mir noch ein, während ich zur Tür ging. Ich fühlte mich euphorisch – vielleicht hatte ich auch einfach nur einen Vogel. Oder eine Meise. Oder einen Piep.

(c) Lutz Schafstädt – 2022

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