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Greifswald: Hansestadt am Flüsschen Ryck

Als Finale unseres Usedom-Wochenendes schauen wir in Greifswald vorbei. Es ist ein erster flüchtiger Besuch, bei dem wir vor allem die Altstadt rund um den Markt und das Fischerdorf Wieck erkunden.

Mai 2008 | Nachdem wir in Heringsdorf unser Hotel verlassen haben, zieht es uns noch nicht nach Hause. Vor uns liegt schließlich noch ein kompletter Tag, den wir mit Erlebnissen füllen wollen. In Greifswald waren wir noch nie. Ein wenig Stadt anschauen, eine ausgiebige Mittagspause und dann langsam heimwärts. Wir verlassen Usedom deshalb über Wolgast und rollen Richtung Norden auf Rügen zu, Greifswald liegt auf halben Wege. Wir steuern das Zentrum an und parken in einer Seitenstraße vor einem großen Wandbild. Ein Gemälde von Caspar David Friedrich, dem weltberühmten Maler und Sohn der Stadt, schmückt eine frisch getünchte Mauer. Es zeigt den Mondaufgang am Meer: Drei sitzende Leute auf einem Felsen schauen auf das abendliche Meer hinaus, der ferne Mond noch hinter einem Wolkenschleier, zwei Segelschiffe daneben machen die romantische Stimmung komplett. Das ist doch mal eine gelungene Dekoration für einen Parkplatz.

Bis zum Marktplatz ist es nicht weit und er begrüßt uns überraschend farbenfroh. Uns umgibt ein Reigen schön sanierter hanseatischer Häuser, die fast alle so wirken, als wären sie erst kürzlich saniert worden. Alte Backsteinfassaden mit den typisch norddeutschen Treppengiebeln sind darunter, Kaufmannshäuser verschiedenster Epochen und neuzeitliche Lückenfüller. Der Platz hat Weite und wir akzeptieren ihn sofort als das hübsche Wohnzimmer der Stadt. Ein paar Fotos davon zu machen, ist nicht so einfach, denn heute ist Markttag. Überall drägeln sich Verkaufswagen und ihre Kundschaft ins Bild. So ist es oft, weil unsere Ausflüge natürlich meist am Wochen stattfinden. Und ist kein Wochenmarkt, dann sind Rathaus oder Kirchturm gerade in Gerüste gehüllt. 

Was diesmal nicht zutrifft: Das Rathaus prangt in dunklem Rot und ist der Blickfang im Rund. Es ist ein historisches Gebäude, das jedoch nach einem Brand im frühen 18. Jahrhundert wiederaufgebaut werden musste und dabei sein heutiges Aussehen erhielt. An dieser Stelle in paar interessante Informationen zur Geschichte von Greifswald. 1250 wurde das Stadtrecht verliehen, 1310 trat man der Hanse bei und seit 1456 gibt es die Universität. Greifswald hatte überregionale und Bedeutung und war vor allem Hafenstadt mit Handelsbeziehungen nach Skandinavien und Russland. In der Schwedenzeit, die nach dem Dreißigjährigen Krieg begann und fast zweihundert Jahr dauerte, verlor allmählich seine Rolle als Umschlagplatz und auch der Hafen war wegen seiner geringen Wassertiefe für neue Schiffsgenerationen immer weniger geeignet.

Über ein Kapitel der jüngeren Geschichte gibt die große Bronzetür des Rathauses Auskunft. Sie gibt es seit 1966 und sie enthält ein künstlerisches Relief zur kampflosen Übergabe der Stadt an die Sowjetarmee am Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine Delegation von Stadtvertretern riskierte ihr Leben und fuhr mitten in der Nacht der anrückenden Front entgegen, um die Bedingungen einer Kapitulation auszuhandeln. So wurde verhindert, dass die Stadt von den Panzern und Geschützen der Roten Armee zerstört wurde. Die historische Altstadt blieb erhalten, sinnlose Opfer wurden vermieden, die Naziführung floh aus der Stadt. Die Bildfelder der Tür erzählen von den Schrecken des Krieges und dem Neuanfang.

Bei diesem Neuanfang jedoch, gerieten die historischen Gebäude aus dem Blick. Die vernachlässigte Bausubstanz verfiel zusehends und immer mehr Bauwerke konnten nur noch abgerissen werden. Das Ende der DDR hätte für die Altstadt von Greifswald nicht viel später kommen dürfen, und selbst die aufwändige Stadtsanierung in den 90er Jahren konnte nicht alle Verluste kompensieren. Der schöne Marktplatz, heißt es, sei buchstäblich in letzter Minute vor der Plattenbau-Wut der sozialistischen Stadtmodernisierer gerettet worden. Die Pläne dafür hätten schon in den Schubfächern bereitgelegen. Zum Glück ist es anders gekommen.  

Wir suchen uns einen Platz in einem der Restaurants rings um den Markt. Die Mittagssonne im frühen Mai wärmt bereits, deshalb sitzen wir draußen, mit Blick auf die farbigen Häusergiebel und das Treiben auf dem Markt.

Während wir essen, kommen wir auf die Idee, noch einen Abstecher an den Greifswalder Bodden zu machen. Der Tag ist noch jung und weit kann es nicht sein, schließlich sind wir in eine Hansestadt mit Hafen. Der Fluß, der den Stadthafen mit der Ostsee verbindet, heißt Ryck. Seinem Lauf müssen wir einfach nur folgen. Doch wir sehen auf der Karte, der Weg zur Mündung ist deutlich weiter als vermutet. Also holen wir doch das Auto und fahren dorthin.

Unterwegs müssen wir auf einer Holzbrücke auf das andere Ufer wechseln. Es ist eine Klappbrücke, nach Vorbildern in der Niederlande bereits 1887 erbaut und weiß angestrichen. Sie ist nicht nur ein imposantes technisches Denkmal, sondern immernoch voll funktionsfähig. Der Verkehr wird hier mit einer Ampel geregelt, denn die Brücke selbst ist nur ein Fuhrwerk breit und darf nur ganz langsam überquert werden. Dahinter ist es nicht mehr weit zum Dorf Wieck mit seinen reetgedeckten Fischerhäusern. Hier mündet der Fluss Ryck in die Dänische Wiek, die in den Greifswalder Bodden und in die Ostsee übergeht. Etwa fünf Kilometer sind wir hier bereits vom Stadthafen und der Altstadt von Greifswald entfernt. 

An der Mole von Wieck stehen die „drei Weisen“. Die hölzernen Skulpturen sind als Ausflugsziel und Fotomotiv beliebt. Ein Bildhauer aus Hamburg hat die skurrilen Holzköpfe bei einem Künstler-Symposium im Jahre 1996 angefertigt und der Stadt überlassen. 

Die Skulpturengruppe „Die drei Weisen“ ist das Markenzeichen an der Wiecker Mole. Die Skulpturen wurden 1996 gefertigt und 2019 restauriert. Ein beliebtes Fotomotiv und Ausflugsziel am Ende der Mole. Der Hamburger Bildhauer Johannes Speder hatte die drei Holzköpfe während des ersten internationalen Holzbildhauer-Symposiums im Jahr 1996 in Greifswald angefertigt. Wir schauen eine Weile den Segeljachten beim Auslaufen zu, genießen noch ein paar Atemzüge Seeluft und verabschieden uns dann von der Ostseeküste.

Siehe auch: #usedom2008 / #ostseeregion
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(c) Lutz Schafstädt – 2026

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