Thomas Mann – Autor und Ich-Erzähler der Novelle – macht mit seiner Familie Ferien am Meer in Italien. Die Geschichte spielt Mitte der 20er Jahre, in Italien hat mit Mussolini der Faschismus Einzug gehalten, im Land herrscht eine Atmosphäre aus Überheblichkeit, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit.
Die Familie wird im Grandhotel herablassend behandelt, man verwehrt ihnen die besten Plätze und nötigt sie sogar zu einem Zimmerwechsel, als einer feinen Dame das Husten des Sohnes missfällt. Leicht verärgert wird in eine Pension gewechselt.
Der Erzähler will glauben machen, wie wenig ihm das alles ausmache. Er versucht sachlich zu berichten, doch seine Verstimmung bricht immer wieder durch. Er ist es nicht gewohnt, als Gast zweiter Klasse behandelt zu werden, und dieser Groll legt einen Schatten auf seine Beobachtungen. So schleichen sich Formulierungen wie „bürgerliches Kroppzeug“ in seine sonst gehobene Sprache und werfen ein Schlaglicht auf den Standesdünkel des Erzählers selbst. Das alles ist großartig gemacht, jeder gelesene Satz ist eine Lust – Thomas Mann eben.
Selbst am Strand herrscht eine politisierte Atmosphäre der nationalistischen Gewissheiten. Die Empörung der nackten Tochter wegen wird zu einem Skandal aufgebauscht, der beinahe den Schlusspunkt des Urlaubs setzt und zeigt, wie empfänglich diese Gesellschaft für moralische Hysterie, Kontrolle und Ausgrenzung ist.
Den Kindern zuliebe wollen sie noch die Vorstellung eines Zauberkünstlers am Abend besuchen. Ganz nach italienischer Lebensart beginnt die Vorstellung mit satter Verspätung.
Neugier und Unterhaltungslust bringen sie alle zusammen, die Einheimischen und die Gäste. Alle wollen den Magier sehen, den der Erzähler spontan schon der Äußerlichkeiten wegen nicht mag. Doch Charisma muss er ihm konstatieren. Er beschreibt das Geschehen bis ins Detail, versucht den Mechanismus zu durchschauen, mit dem der Zauberer Cipolla das Publikum unter seinen Willen zwingt. Es geht um Hypnose, um Irreführung, Manipulation und Machtausübung. Aus einer Haltung der Überheblichkeit und Dominanz heraus zwingt Cipolla anderen seinen Willen auf. Das Publikum bejubelt die Kunststücke, selbst wenn einzelne Zuschauer gedemütigt werden.
Es liegt auf der Hand, dass dies ist kein harmloser Unterhaltungsabend für Kinder ist. Die Eskalation ist absehbar und findet ihren Höhepunkt, als Mario und der Zauberer aufeinandertreffen.
Lange habe ich mich schwergetan, den Text als Parabel auf die Gefahren des Faschismus zu verstehen. Das Buch erschien zu Mussolinis Zeiten, als Hitler in Deutschland erst am Anfang stand und niemand wissen konnte, in welche Abgründe die großen Verführer die Menschheit stürzen würden. Ich meinte, so vereinfachend könne man die Sache nicht sehen.
Heute sehe ich das anders. Wenn das gesellschaftliche Klima vorhanden ist, kann Faschismus entstehen. Und zwar erschreckend leicht. Ein Zauberer (Demagoge, Manipulator, Populist, Narzisst, Heilsbringer …) kann zum Rattenfänger werden, dem die Menschen wie in Trance folgen. Erst wenn sie aus dieser Hypnose erwachen und erkennen, wie sie getäuscht und missbraucht wurden, holen sie sich ihren Willen und ihre Würde zurück. So wie Mario.
Warum nur muss es immer erst zum Äußersten kommen? Es ist besser, den Faschismus gleich beim Beginn der Vorstellung zu verhindern, bevor die große Verwirrung beginnt.
Thomas Mann zeigt in seiner Erzählung eindringlich, wie früh die Warnsignale sichtbar werden: im Tonfall, im sozialen Klima, in der Bereitschaft, Demütigungen hinzunehmen, solange man selbst nicht betroffen ist. Leider ist dieses Thema heute wieder beunruhigend aktuell.
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(c) Lutz Schafstädt – 2026
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