Usedom in der Pommerschen Bucht ist ein beliebtes Urlaubsziel. Die Badeorte entlang der Ostseeküste bieten neben ausgedehnten Sandstränden so viele jährliche Sonnenstunden wie keine andere deutsche Region.
Historischer Glanz und Urlaubsfeeling
Wo und so | Die Orte Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin auf Usedom bilden ein Ensemble, das von historischer Bäderarchitektur, prächtigen Villen und nostalgischem Flair geprägt ist. Seit sich Mitte des 19. Jahrhunderts das Badewesen entwickelte, zogen sich der Adel und die Berliner Oberschicht gern hierher zurück. So etablierte sich eine mondäne Eleganz, an der auch Kaiser Wilhelm II. Gefallen fand.
Als im Sommer 1894 mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Swinemünde-Heringsdorf eine direkte Verbindung zum überregionalen Bahnnetz entstand, begann die Blütezeit der Kaiserbäder als „Badewanne der Berliner“. Auf zwölf Kilometern Länge wuchs eine Strandpromenade bis nach Swinemünde, Parkanlagen wurden angelegt, Seebrücken gebaut und zahlreiche Villen in der unverwechselbaren Bäderarchitektur errichtet. Sie prägen bis heute das Bild der Kaiserbäder und verbinden eine Aura von Noblesse und Charme mit zeitgemäßen Urlaubsfreuden.
Frühlingstage in Bansin
April 2026 | Die letzte Aprilwoche und die ersten Maitage verbringen wir in Bansin auf Usedom. Die Begrüßung ist stürmisch kalt, die erste Nacht bringt sogar ein paar Regentropfen. Doch das wird nicht so bleiben. Mit jedem Tag auf den Wonnemonat zu wird es freundlicher und wärmer, bis hin zu sommerlichen Temperaturen, für die wir gar keine Kleidung eingeplant haben.
Heringsdorf und Ahlbeck besuchen wir bei ausgedehnten Strandspaziergängen, für einen Teil des Weges verlassen wir uns auf die Busse der Kaiserbäderlinie, die halbstündlich verkehren und in denen wir immer einen Sitzplatz finden. Natürlich sind wir alle Seebrücken mehrfach in voller Länge abgeschritten, haben am Strand in der Sonne gelegen und die Füße in die Ostsee getaucht. Zum Mittag haben wir gern in Heringsdorf eine Kleinigkeit gegessen, ins Restaurant gingen wir Abends in Bansin und lernten schnell, wie sinnvoll es ist, vorab einen Tisch zu reservieren. Frühstück gab es im Hotel, wir wohnten sehr zentral und konnten aus dem Zimmerfenster (Augen hart nach rechts) sogar ein Stück Meer sehen.
Wir haben eine sehr entspannte und trotzdem erlebnisreiche Woche auf Usedom verbracht. Die Insel macht zu jeder Jahreszeit Freude und es gibt auch abseits vom Strand viel zu entdecken. Trotzdem sollten wir noch einmal im Sommer und bei Badewetter auf die Sonneninsel kommen.
Strandparty in Heringsdorf
Mai 2008 | Der erste Mai fällt auf einen Donnerstag und wir wollen uns ein langes Wochenende gönnen. Auf gut Glück sind wir nach Usedom gefahren. In Heringsdorf treffen wir am späten Nachmittag ein und brauchen nur drei Versuche, bis wir ein Hotel in Strandnähe gefunden haben, das uns für die nächsten Nächte beherbergt. Wir buchen das Frühstück gleich mit, Lüften das kleine Zimmer gründlich durch und haben sogar noch Zeit für einen ersten Orientierungsrundgang, bevor wir uns ein Restaurant für das Abendessen suchen.
An der Seebrücke legt das letzte Fährschiff des Tages ab und steuert auf Ahlbeck zu. Wir sehen eine Gruppe Reiter, die am Strand Aufstellung genommen hat und eine Choreografie einübt. Wohl eine Generalprobe; immer wieder gibt es laute Regieanweisungen an das Pferdeballett. Irgendein Event findet gerade statt, den ganzen Abend lang sehen wir immer wieder seltsam uniformierte Leute.
Am nächsten Morgen begegnen wir ihnen wieder. Sie haben ihre Instrumentenkoffer geöffnet und Blasinstrumente hervorgeholt. Am Buffet im Frühstücksraum erkennen wir sie ohne ihre Uniformen noch nicht. Erst als sie Aufstellung nehmen, um einem Geburtstagskind in ihren Reihen ein Ständchen zu schmettern, sind wir im Bilde. Die Gläser auf dem Tisch erzittern und wir sind hellwach.
Gleich nach dem Frühstück zieht es uns hinaus an die Seeluft. Auf dem Festplatz neben der Seebrücke sammeln sich, nun wieder weidmännisch uniformiert, die Jagdhornbläser. Sie drängen sich in die Konzertmuschel. Die Bänke vor der Bühne füllen sich mit meist betagten Kurgästen, die in Erwartung eines Kulturprogramms der Morgenkühle trotzen. Am Rand des Platzes stehen einige barock kostümierte Reiter. Als die Waldhörner, wie bei einer Orchesterprobe durcheinander quäkend, über den Platz schallen, beginnen die Pferde nervös mit den Hufen zu schlagen. “Holzwirtschaft ist Naturschutz”, steht auf einem großen Transparent über der Bühne. Nach kurzem Applaus beginnen erst einmal die Ansprachen. Bis die Musik spielt, kann noch dauern. Der offizielle Teil irgendeiner Forst-Veranstaltung, die gerade beginnt. Hier hält uns nichts, wir gehen weiter zur Seebrücke hinüber.
Der gläserne Windfang, der den Steg in der Mitte trennt, soll gegen Wind und Regen schützen. Jetzt dämpft er außerdem die einsetzende Blasmusik der Jagdfreunde. Der moderne Bau am Ende der Seebrücke, natürlich ein Restaurant, sieht wie eine fernöstliche Kopfbedeckung aus. Auch nah besehen erinnert er an ein Hütchen, noch mehr, als in der Dämmerung seine Krempe von Lämpchen nachgezeichnet wird. Einmal die Seebrücke hinauf und wieder zurück ergibt über einen Kilometer Laufleistung. Mit 508 Metern hat Heringsdorf die längste Seebrücke Deutschlands.
Wir wechseln für unseren Morgenspaziergang an den Strand. Der Wind schläft noch, die Sonne blendet von einem makellos blauen Himmel herab. Die Zahl der Wanderer, Sportler, Flaneure und Sonnenblinzler wächst von Minute zu Minute. Zwischen Heringsdorf und Ahlbeck reihen sich aufgeputzte Villen und Pensionen aneinander. So viel zur Schau gestellter Wohlstand, all die idyllisch-protzige Exklusivität – unbescheidene Fingerzeige auf den einstigen und in frischen Farben neu in Besitz genommenen Glanz der Kaiserbäder. Nur hin und wieder flegeln sich noch Reste der Arbeiter- und Bauern-Ferienkultur mit eingeschlagenen Scheiben und bröckelnden Fassaden dazwischen. Wir gehen die Promenade entlang bis zur schmucken Seebrücke von Ahlbeck. Auch sie nimmt ein Superlativ für sich in Anspruch, nämlich mit dem Baujahr 1898 die älteste Seebrücke Deutschlands zu sein.
Für den Rückweg bleiben wir bis Heringsdorf auf der Promenade und suchen dann erneut die Nähe der Ostsee. Die Strandkörbe werden in den Sonnenlauf gerückt, die Jacken abgeworfen. Auch wir erliegen der Verlockung, lassen das Wasser unsere Füße umspielen. Doch die Ostsee ist noch nicht auf Spiele aus. Sie schnappt mit eisigen Zähnen zu und wir beißen unsere erst einmal zusammen, bis wir uns an die Kälte gewöhnt haben. Die Wassertemperatur betrage höchstens sieben Grad, hören wir es munkeln.
Ein kleiner Junge lässt uns glauben, es wäre bereits August. Splitternackt läuft er die gut zwanzig Meter zwischen dem Strandkorb seiner Eltern und der Wasserlinie hin und her, schwenkt seinen Buddeleimer, kniet sich in den durchtränkten Sand. Um ihn herum Spaziergänger in langen Hosen und dicken Jacken. Er bemerkt, dass wir über ihn staunen. “Ich sammle nur Muscheln”, erklärt er sich, hält uns zum Beweis sein Eimerchen hin und macht sich von dannen. Wir schauen ihm nach und sehen den Sand von seinem Hintern rieseln.
Auf der Seebrücke und am Strand darunter bleiben Schaulustige stehen. Noch einmal nackte Tatsachen: Zwei junge Männer haben sich ihrer Kleider entledigt und machen sich auf, ein Bad zu nehmen. Zunächst in der Menge. Hier präsentieren sie ihre frisch enthaarten Körper. Dass sie Spaß daran haben, sich zu zeigen, dafür spricht die Wahl ihres Badeortes direkt neben der bevölkerten Seebrücke. Dann geht es ins Wasser. Ganz langsam, tastend, mit kleinen Schritten überwinden sie den flachen Strand, werfen sich dann einmal in die eisigen Wellen, hasten zum Ufer zurück, werfen ihre Schrumpfkörper in Handtücher. Unter Kopfschütteln zerstreut sich die Menge, aber eben erst dann.
Abends müssen wir uns für kein Restaurant entscheiden. Es ist Strandparty. Die haben wir offensichtlich auch den Forst- und Waldleuten zu verdanken. Die Seitenwand eines Anhängers wird aufgeklappt und fertig ist die Bühne. Ein fröhliches Repertoire aus Gassenhauern und Stimmungsliedern heizt den Gästen ein. Feuerkörbe knistern. Spanferkel und Bratwürste duften. Am Bierwagen herrscht Gedränge. Die Lichter des Festes spiegeln sich auf der träge ans Ufer züngelnden Ostsee. Schiffe blinken in der Ferne. Tanzpaare drängeln sich vor dem Bühnenwagen. Die Gäste auf den Bänken singen und schunkeln mit. Schnell sind wir eingefangen und schwingen unsere mit Rum gedopten Cola-Becher in der Luft. Ein schöner, gemütlicher, fröhlicher Abend, versichern wir uns gegenseitig, nachdem die letzten Zugaben endgültig verklungen und wir noch einmal die Seebrücke abgeschritten sind.
Siehe auch: #inselusedom / #ostseeregion
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(c) Lutz Schafstädt – 2026

















