Als mir dieses Zitat begegnete, gab es mir einen heftigen Denkanstoß. Doch wie so oft erst im Nachhall. Denn zunächst klang dieser Satz nach einer schlichten Allerweltsweisheit:
„In Büchern liegt die Seele aller gewesenen Zeit.” (Thomas Carlyle)
Selbstverständlich ist das so. Seit die Menschen Bilder zu Symbolen, Symbole zu Zeichen und Zeichen zu Schrift werden ließen, sind sie unaufhörlich dabei, Informationen festzuhalten, Wissen zu bewahren, Gedanken zu formulieren, Meinungen zu verbreiten. Lesen und Schreiben war zunächst eine Kompetenz für Eingeweihte, ein Machtfaktor für Eliten. Allen anderen, gemeint sind vornehmlich die Untertanen, waren Schriftwerke und Bücher ein geheimnisvolles Mysterium, das die herrschenden Wortführer ihnen vor die Nase hielten und verkündeten: So steht es geschrieben! Daher vermutlich rührt auch die instinktive Ehrfurcht, die wir alle verinnerlicht haben, auch wenn wir sie uns nur schwer eingestehen wollen: Was schwarz auf weiß vor uns liegt, fühlt sich wahr an. Erst recht, wenn es besiegelt oder gar zum Buch gebunden ist.
Was geschrieben steht, ist jedoch nur eine Einladung zu den nächsten Gedanken, denen an das Wer und das Wann. Öffnen wir ein altes Buch, weht uns der Geist seiner Entstehungszeit entgegen. In ihm tritt der Verfasser vor uns hin. Er redet in der Sprache seiner Zeit, mit dem Wissen seiner Zeit, den Argumenten, den Einflüssen, der Weltsicht seiner Epoche. Wir erfahren, was er gedacht und geglaubt hat. Und zwar völlig unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Was richtig oder falsch, Fakt oder Fälschung ist, hängt ohnehin in großem Maße davon ab, was wir heute dafür halten. Denn auch unser Wissen ist unterwegs und entwickelt sich weiter.
Thomas Carlyle (1795-1881), der Urheber des obigen Buchzitats, bietet sich hervorragend als Beispiel dafür, den Boten zu verstehen, ohne seine Irrtümer zu übernehmen. Carlyle war ein schottischer Historiker, Essayist und Übersetzer, beschäftigte sich intensiv mit der deutschen Literatur und es heißt, sein Wort hatte im viktorianischen Zeitalter Gewicht. In seinem Weltbild jedoch, so beurteilen wir ihn heute, war er dem Traditionalismus verhaftet. Er kämpfte vehement gegen demokratische Veränderungen und war Gegner der Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien. Für uns sind das unhaltbare Positionen, doch sie verankern ihn in seiner Ära, als Figur mit allgemein akzeptierten Ansichten, die gottlob im Fortgang der Geschichte nicht Stand hielten.
Sollen wir nun alles, was er schrieb, aus den Regalen verbannen, weil uns seine Ansichten nicht gefallen? Damit träten wir in eine unheilvolle Tradition. Geschriebene Worte treiben die Entwicklung voran, deshalb werden sie auch gefürchtet. Sie bringen Fortschritt und Aufklärung, stellen Bestehendes infrage. Das kann eine Bedrohung sein. Die katholische Kirche stemmte sich mit dem Index Romanus vergeblich gegen neue Ideen. In der Nazizeit verbot man missliebige Autoren, holte ihre Werke aus den Bibliotheken und warf sie in die Flammen. Die Beispiele ließen sich mühelos fortsetzen. Bis in unsere Tage wird versucht, Bücher von den Menschen fernzuhalten oder sie zu verunglimpfen.
Und als wäre das nicht schon genug, wurden und werden auch Bücher geschrieben, die darauf aus sind, Zwist zu entfachen und Zweifel zu verbreiten. Auch sie sind ein Spiegel ihrer jeweiligen Zeit. Sie dokumentieren die Fragen und Konflikte, die unterwegs ins heute zu klären waren. Und jede Entwicklungsetappe stellt ihre eigenen Herausforderungen.
Die technische Entwicklung mit ihren modernen Medien führt vor, wie leicht das Verbreiten von Gedanken geworden ist. Leider sind wir alle empfänglich für Aufreger und Polarisierungen, das gehört wohl zu unserem Naturell. Gleichzeitig vermischen sich vor unseren Augen Wissen und Glauben, überlagern sich Fakten und Meinungen, in einem Overkill an Informationen, die wir viel zu oft vertrauensselig konsumieren, statt kritisch zu prüfen. Nichts ist wahr, nur weil es geschrieben steht. Je mehr sich unsere Medienwelt entwickelt, umso wichtiger wird dieser Satz. Bedauerlicherweise.
Ich glaube, Bücher sind im Vergleich zu all den flüchtigen News das Beständige. Am besten als reale, handfeste Bände. Sie halten den Moment fest, in dem sie gedruckt wurden, und sind, abgesehen vom Seiten ausreißen, schwer manipulierbar. Sie kann ich hinterfragen, einordnen, bewerten und vergleichen. Ich kann Zeit, Ort, Verfasser und Intention mit meinen historischen Koordinaten in Beziehung setzen.
„In den Büchern liegt die Seele aller gewesen Zeit“ – ihre Genialität und Sensibilität, aber auch ihre Irrungen und Wirrungen. Hoffentlich habe ich euch animiert, selbst noch ein wenig darüber nachzudenken. Es kann eine lehrreiche Erfahrung, ja ein Abenteuer sein, sich in die konkreten Verhältnisse einer Zeit und eines Autors hineinzudenken. Dabei müsst ihr nicht einmal weit zurückgehen. Schon die Bücher, die vor der Wiedervereinigung in beiden Teilen Deutschlands geschrieben und veröffentlicht wurden, handeln aus heutiger Perspektive bereits in fremd anmutenden Welten.
(c) Lutz Schafstädt – 2026
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