Die Heilstätten sind vier Kilometer von der Spargelstadt Beelitz entfernt. Nach Berlin sind es gut 30 Kilometer. Der märkische Kiefernwald und die gute Luft ringsum waren der Grund, hier an der Schwelle zum 20. Jahrhundert ein Sanatorium für Lungenkranke zu bauen.
In Berlin schossen damals Fabriken und Mietskasernen aus dem Boden. Überall lag Fortschritt in der Luft – aber auch der Ruß aus den Schloten und die Erreger der Tuberkulose. Die kläglichen Lebensbedingungen und hygienischen Zustände in den Berliner Hinterhöfen ließen die Krankheit zum ernsten Problem werden. Ein Sanatorium und frische Luft mussten her. So wuchs die Vorzeigeklinik im Wald bei Beelitz und die modernsten medizinischen Erkenntnisse jener Zeit kamen zur Anwendung. Bis zu 1200 Betten hatte das Klinik-Areal und funktionierte autark wie eine kleine Stadt. Von der Elektrizität bis zur Wäscherei war an alles gedacht und die Patienten wurden in fürstlich ausgestatteten Speisesälen versorgt.
In beiden Weltkriegen wurde das Sanatorium als Lazarett genutzt. Im April 1945 zählte es zu den Schauplätzen der letzten großen Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Die Armee Wenk versuchte, den Ring der Roten Armee um Berlin zu durchbrechen. Die Heilstätten waren zu dieser Zeit wieder Kriegslazarett und hoffnungslos mit Verwundeten überfüllt. Während der viel zu spät begonnenen Evakuierung der hoffnungslos mit Verwundeten überfüllten Heilstätten kam es zu Kämpfen mit der Roten Armee. Ein zentrales Gebäude, das sogenannte Alpenhaus, geriet dabei in Brand.
Nach dem Krieg machte die Sowjetarmee die Heilstätten zum Sperrgebiet und zum eigenen Militärhospital. Dabei blieb es bis zum Abzug der Roten im Jahr 1994. Danach lag das gesamte Gelände samt aller Einrichtungen der Heilstätten brach. Die Gebäude verfielen, Diebstahl und Vandalismus hinterließen ihre Spuren. Erst seit der Jahrtausendwende kehren nach und nach wieder Menschen auf Dauer hierher zurück.
Baumwipfelpfad über Ruinen
April 2018 | Die Beelitzer Heilstätten präsentieren sich als verwunschener Ort. Die morbide Aura ist zur Attraktion geworden und zieht Besucher an. Sie spazieren an Ruinen vorbei und bewundern aus der Höhe, wie sich die Natur der Reste menschlicher Hinterlassenschaft bemächtigt. Ein geheimnisvoller, vielleicht gespenstischer, in jedem Falle aber interessanter Ort.
Den Mittelpunkt bildet der Baumkronenpfad, mit dem sich die Umgebung aus luftiger Höhe betrachten lässt. Bereits beim Spaziergang vom Parkplatz zum Eingang wird klar, dass es auf diesem Gelände nicht nur um Natur geht. Überall, in eine verwilderte Parklandschaft gestreut, sind zerfallende Häuser zu sehen, die noch immer ihren einstigen Glanz erahnen lassen. Gegen die magische Anziehungskraft der trostlosen Ruinen wirken die aufgestellten Bauzäune offensichtlich nur bedingt. Trampelpfade im Gras, eingeschlagene Fenster, zertrümmerte Möbel und Schmierereien künden davon.
Der Rundgang auf dem Baumkronenpfad beginnt mit einem Aussichtsturm. Vierzig Meter über dem Boden vermittelt seine Aussichtsplattform die Weitläufigkeit des Geländes und der Blick reicht über die Wälder bis nach Berlin. Zwischen den Bäumen sind einige Dächer der Heilstätten zu sehen. 60 Häuser wurden für das Sanatorium auf einer Fläche von 200 Hektar einst in den Wald gebaut. Viele davon sind Ruinen, denen wir beim Spaziergang zum Turm schon begegnet sind, andere haben bereits eine neue Nutzung gefunden und blinken in frischen Farben.











Der eigentliche Pfad über den Baumwipfeln folgt den Konturen der markanten Ruine des Alpenhauses. Es handelt sich dabei um das einstige Frauen-Sanatorium, das in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Flammen aufging und danach nie wieder instandgesetzt wurde. Auch die Sowjets überließen die Mauern sich selbst und begnügten sich damit, die Ruine mit Warnhinweisen in russischer Sprache zu beschriften, die bis heute lesbar sind.
Es ist schwer zu vermitteln, wie groß und weitläufig die Fläche der Heilstätten ist. Der Besuch des Baumwipfelpfads und ein Spaziergang durch die frei zugänglichen Bereiche vermitteln nur einen sehr begrenzten Eindruck. In andere Teile des Geländes ist zudem inzwischen wieder normales Leben zurückgekehrt. Es wurde saniert, gesichert und unter Denkmalschutz gestellt. Mit jedem Jahr verwischen sich die Spuren der bewegten Geschichte weiter. Die Ruinen verbreiten mit ihrer Aura der Vergänglichkeit einen magischen Zauber. Und doch sind es Narben, die verheilen und sich in ferne Erinnerungen verwandeln dürfen.
Siehe auch: #potsdammittelmark
(c) Lutz Schafstädt – 2023
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