Zauche heißt die Landschaft südöstlich der Stadt Brandenburg, in deren Mitte die Zisterzienser ein Kloster bauten, das für die Entwicklung der Mark Brandenburg eine maßgebliche Rolle spielte.
Die Legende von der Klostergründung
Vor über 800 Jahren lebten Wenden im Gebiet rings um das heutige Lehnin. Sie waren die slawischen Ureinwohner vom Stamm der Heveller. Unkultivierte Heiden waren aus der Sicht derer, die von Westen her missionieren und vor allem in Besitz nehmen wollten. Brandenburg hatten sie bereits erobert und ein Bistum gegründet. Von dort aus ging Markgraf Otto I. von Brandenburg in die ausgedehnten Wälder ringsum auf die Jagd. Die Zauche betrachtete er als seinen Besitz, hatte er sie doch als Taufgeschenk erhalten. Eines Tages verausgabte er sich beim Jagen so sehr, dass er eine Rast und ein Nickerchen brauchte. Er legte sich unter eine Eiche und träumte: Er sah sich von einem Hirsch bedroht, der ihn mit seinem Geweih attackierte und dem er sich nur mit Mühe und göttlichem Beistand erwehren konnte. Das sei ein Zeichen, meinten seine Jagdgefährten, und schlugen vor, an dieser Stelle eine Burg zu errichten. Otto I. entschied jedoch, hier ein Kloster zu gründen.
Im Jahre 1180 begannen die Zisterzienser mit den Bauarbeiten. Etwa einhundert Jahre später war die Klosterkirche vollendet, aus roten Backsteinziegeln auf romanischen Grundmauern und mit frühgotischem Kirchenschiff. In die Stufen zum Chor wurde ein versteinerter Eichenstamm eingefügt. Der Legende nach soll er die Stelle markieren, an der der Markgraf sich einst schlafen legte.
Das Kloster Lehnin wurde ein zentraler Ort für die Mark Brandenburg. Die Zisterziensermönche hatten wirtschaftliche Macht und politischen Einfluss. Von hier aus wurden die Siedlungsgebiete der Slawen christianisiert und urbar gemacht. Unter anderem ging die Gründung der Klöster Chorin und Himmelfort von hier aus. Mit der Reformation endete die lange Blütezeit. Das Kloster wurde aufgelöst, der Dreißigjährige Krieg brachte Plünderung und Verwüstung. Dass es die Kirche und andere Klostergebäude heute noch gibt – richtiger gesagt: wieder gibt –, ist den preußischen Regenten des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu verdanken. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der Romantiker auf dem Thron, ordnete an, die zu Ruinen verfallenen Bauten nach historischem Vorbild und mit großem Aufwand zu restaurieren.
Was Fontane zu erzählen hat
Oktober 1863 | Als Theodor Fontane im angegebenen Jahr Lehnin zum ersten Mal besuchte, war das Kloster noch eine Ruine. Er sammelte Stoff für seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, führte Gespräche, las Dokumente und schaute sich auch die überwucherten Mauern und verfallenden Gewölbe an. Im dritten Band „Das Havelland“ berichtet er ausführlich über das Kloster Lehnin und seine Verquickungen mit der brandenburgischen Geschichte. Die Versuchung ist groß, hier gleich einige Aspekte aufzuzählen, doch das führt an dieser Stelle zu weit. Ich empfehle dringend, es selbst nachzulesen. Es ist spannend, interessant, unterhaltsam und keineswegs antiquiert geschrieben. Die Lehniner Weissagungen und die turbulente Legende um den Mord am ersten Abt Sibold fallen mir ein. Abt Sibold wurde von wendischen Fischern erschlagen, vor deren Zorn er sich auf einem Baum zu verbergen suchte. Nach einem Missverständnis mit der Frau eines Dorfbewohners hatte der Abt flüchten müssen. Doch sein Schlüsselbund fiel ihm aus der Tasche und verriet sein Versteck in der Baumkrone, worauf die Dörfler die Eiche fällten, um des beleibten Mönches habhaft zu werden und um ihn schließlich zu erschlagen. Historische Tatsachen, kuriose Ereignisse und fragmentarische Überlieferungen vermischen sich zu Geschichten, durch die der Geist der Vergangenheit weht. Oder gar das Gewand eines weißen Fräuleins.
Einige wenige Zeilen aus Fontanes Text über Lehnin will ich euch doch im Wortlaut zitieren, denn sie sind wunderbar formuliert. Hier ein Absatz vom Ende des Kapitels, gewissermaßen die Abschiedsszene:
„Dann kommt der Herbst, der Spätherbst, und das Bild wird farbenreicher denn zuvor. Auf den hohen Pfeilertrümmern wachsen Ebereschen und Berberitzensträucher, jeder Zweig steht in Frucht, und die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten Gesichtern aus den roten Beeren heraus. Aber wenn die Sonne unter ist, geben sie das Spiel in den Trümmern auf, und wer dann das Ohr an die Erde legt, der hört tief unten die Mönche singen. Dabei wird es kalt und kälter; das Abendrot streift die Kirchenfenster, und mitunter ist es, als stünde eine weiße Gestalt inmitten der roten Scheiben. Das ist das weiße Fräulein, das umgeht, treppauf, treppab, und den Mönch sucht, den sie liebte. Um Mitternacht tritt sie aus der Mauerwand, rasch, als habe sie ihn gesehen, und breitet die Arme nach ihm aus. Aber umsonst. Und dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint.“
Theodor Fontane in „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, Band 3
Roter Backstein alt und neu
November 2018 | Nach Kloster Lehnin fahre ich immer wieder gern. In einem der alten Gebäude auf dem Klostergelände wurde ich geboren, als es hier noch das Evangelische Krankenhaus gab. Natürlich machen gewichtigere Dinge den Ort interessant, denn hier konzentriert sich brandenburgische Geschichte.
Doch auch der Weg in die Gegenwart sollte nicht unerwähnt bleiben. Seit gut einhundert Jahren wird das Klostergelände in Lehnin von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg genutzt. Die Klinik und das Seniorenheim haben Neubauten auf dem Gelände bekommen. Die Klosterbauten werden Schritt für Schritt restauriert und für zeitgemäße Nutzungen fit gemacht. Am reizvollsten beim Rundgang sind jedoch die Mauern, die ihr Alter nicht verbergen und an denen die Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben.








Überall auf dem Gelände gibt es Informationsstelen, die über die ursprüngliche Nutzung oder Besonderheiten von Gebäuden informieren. Die Klosterkirche kann besichtigt werden und es gibt ein kleines Museum, das vom Leben seit der Zisterzienserzeit berichtet.
Vom Klostergelände aus führt ein Spazierweg zu einer schönen Allee mit alten Eichen. Den Emsterkanal entlang gelangt man bis an das Ufer des idyllischen Klostersees. Auf einer der Bänke unter den mächtigen Baumkronen sollte man sich kurz setzen, die Augen schließen, den Stimmen der Natur lauschen und sich vorstellen, wie ein Hirsch über die Wiesen springt.
Siehe auch: #potsdammittelmark / #theodorfontane
(c) Lutz Schafstädt – 2023
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