Mir fiel das Buch eher zufällig in die Hände. Es galt, einen stillen Winterabend zu füllen. Drei Argumente sprachen dafür: Juli Zeh ist mir ein Begriff, ich mag ihre klaren Standpunkte in Talkshows, einen ihrer Romane kannte ich bislang noch nicht. Außerdem ist Neujahr ein verlockend passender Titel für das nächste Buch, wenn es gerade Mitte Dezember ist. Und schließlich: Die Geschichte handelt auf Lanzarote. Hier habe ich schon zweimal Urlaub gemacht und der Inselsüden und selbst das Dorf Femes sind mir vertraut. Also los und aufgeblättert.
Das Buch erzählt von Henning. Sein Leben hat eine feste Basis: Frau, zwei Kinder, guter Job, solides Einkommen. Doch er steht auch unter Druck und macht sich pausenlos Stress, weil er es allen recht machen will. Richtig ernst wird es mit der Geburt seiner Tochter, seither hat er Angstzustände und bekommt Panikattacken. Er nennt sie seine Dämonen, die ihn immer wieder heimsuchen und zunehmend das Familienleben belasten.
Vor diesem Hintergrund ist der Jahreswechsel auf Lanzarote eine gute Idee. Ein paar Tage unbeschwerter Urlaub, neue Kraft schöpfen, dem Burnout zuvorkommen, die Beziehung kitten. Schon wieder sind zu viele Anforderungen im Gepäck und unvermeidlich verläuft die Silvesterfeier nicht so harmonisch wie erhofft. Seine Frau sucht Zerstreuung, Henning trifft auf seine Dämonen. Am Neujahrsmorgen schnappt er sich sein Fahrrad und macht sich vom Ferienort Playa Blanca aus auf zur Passhöhe von Femes. Zu dem kleinen Dorf geht es 400 Höhenmeter hinauf, über eine vielfach gewundene, schier endlose Straße mit steilem Anstieg, die an Kraft und Ausdauer höchste Anforderungen stellt.
Der erste Teil des Buches widmet sich dieser Fahrt bergan. Monotone Bewegung, maximale Anstrengung, kreisende Gedanken, bohrende Fragen. Henning überdenkt sein Leben, stellt es infrage, sucht nach Gründen, nach Auswegen. Die Pedale drehen, einatmen, ausatmen, Erster-Erster. Der Leser ist minutiös dabei, als sich die Schatten der Vergangenheit zu erkennen geben. Sie haben mit Lanzarote zu tun. Henning erinnert sich, schon einmal hier gewesen zu sein. Ganz langsam kehren Erinnerungen zurück, oben in Femes angekommen, dem abgelegenen Dorf mit dem fantastischen Fernblick, weiß er sogar wieder, wo das Ferienhaus von damals zu finden ist. Bilder und Gefühle aus seiner frühen Kindheit kehren zurück.
Hier geht das Buch in den zweiten Teil über, in dem es natürlich um die Erinnerungen an die Kindheit und ein tragisches Ereignis auf Lanzarote geht. Ich will nicht spoilern, deshalb werde ich weniger auf die Handlung als auf meine Leseeindrücke eingehen. Doch es liegt auf der Hand, dass sich hier ein verdrängtes Kindheitstrauma offenbaren wird.
Hat Juli Zeh am Anfang den gleichförmigen Rhythmus als Erzähltempo aufgenommen und den Gedanken Hennings viel Auslauf gegeben, ändert sich im zweiten Teil der Ton und nimmt die Handlung Fahrt auf. Das ist gewiss Absicht, hier schreibt schließlich keine Anfängerin. Nach anfänglich recht zähen Phasen im Fortgang der Geschichte gibt es nun wohltuende Dynamik und überraschende Ereignisse. Ich gestehe, dass ich das Verhalten der Kinder in einer Ausnahmesituation weder glaubwürdig noch nachvollziehbar fand. Sie agierten für mein Empfinden nicht altersgerecht, was möglicherweise dramaturgischen Gründe geschuldet ist. Und es ist ja allgemein bekannt, dass Erinnerungen trügerisch sind. Warum soll Henning da eine Ausnahme bekommen?
Als die verdrängte Geschichte erzählt und das Trauma offenbar geworden ist, geht der Roman in seine Schlussgerade. So langsam und mühselig der Aufstieg auf den Berg war, so rasant geht es jetzt wieder ins Tal, an die Küste zurück. Doch wer jetzt gründliche Aufarbeitung und schrittweise Vertreibung der Dämonen erwartet, so wie ich, schaut verwundert auf die noch verbleibenden Seiten im Buch. Es sind nur noch wenige Blätter. Also krempelt Henning die Ärmel hoch: Er macht reinen Tisch, kappt die Verbindungen zu seiner Schwester und Schluss. Na ja, das fand ich dann doch etwas abrupt.
Durch dieses Ende ist mein Gesamteindruck vom Buch etwas getrübt. Es hat mich gut unterhalten, ist gekonnt geschrieben, doch der Schluss fühlt sich an, als hätte die Autorin an der Auflösung des ganzen psychologischen Geflechts schlicht die Lust verloren.
Witzig finde ich, was auf dem Einband meiner Ausgabe steht: „Vielleicht Juli Zehs bislang bestes Buch.“ Hoffentlich nicht. Ich bin überzeugt, da wäre mehr drin gewesen. Die zweite Verkaufsbotschaft auf dem Buchrücken: „Auf der Hälfte kippt Juli Zehs kunstvoll konstruierter Familienroman in einen Psychothriller.“ Auch das widerspricht gänzlich meiner Wahrnehmung. Für mich ist es ein Familiendrama über die späte Verarbeitung eines Kindheitstraumas. Unter dieser Prämisse ist es ein (mit den genannten Einschränkungen) empfehlenswertes Buch.
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(c) Lutz Schafstädt – 2026
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