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Usedom: Peenemünde

Der Norden der Insel wurde über viele Jahrzehnte militärisch genutzt. Als Versuchsgelände für die berüchtigten Vergeltungswaffen wurde Peenemünde bekannt und ist heute vor allem Erinnerungsort.

Tödliche Waffen und technischer Fortschritt

Wo und so | In den 1930er Jahren warfen die Kriegsvorbereitungen Hitlerdeutschlands ihren Schatten auf die Urlaubsinsel Usedom. Die Wehrmacht suchte ein abgelegenes Gelände, um ungestört neue Waffen entwickeln und erproben zu können. Die Wahl fiel auf den gesamten Norden der Insel, einschließlich der Orte Karlshagen und Peenemünde. Während die Versuchsstellen des Heeres und der Luftwaffe ausgebaut wurden, mussten die ursprünglichen Bewohner ihre Häuser verlassen. Es entstanden Einrichtungen für Forschung, Entwicklung und Produktion lenkbarer Gleitbomben und ballistischer Raketen, die als Vergeltungswaffen Angst und Schrecken verbreiten sollten, zugleich aber auch wissenschaftlich-technisches Neuland erschlossen.

Die mit Flügeln versehene Gleitbombe V1 war der erste Marschflugkörper der Welt; das als V2 bezeichnete Aggregat 4 war die erste funktionsfähige Rakete mit Flüssigkeitstriebwerk, die den Weltraum erreichen konnte. Die Arbeit an der Waffentechnik nahm fast unvorstellbare Dimensionen an. Bis zu 12.000 Mitarbeiter wurden beschäftigt; KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zivilisten aus besetzten Ländern wurden zwangsweise nach Peenemünde gebracht, und ein Werk für die Serienproduktion wurde gebaut.

Einerseits für Terrorwaffen genutzt, brachte die militärische Forschung wertvolle Kenntnisse und neuartige Lösungen hervor, an denen die Siegermächte nach dem Ende des Krieges großes Interesse hatten. Sie versuchten, sich ihren Teil am angehäuften Wissen zu sichern; die Rote Armee ließ außerdem alle verwertbaren Einrichtungen abtransportieren. Dann einigten sich die Alliierten während der Potsdamer Konferenz darauf, die Gebäude und Anlagen auf dem Gelände zu sprengen und abzutragen.

Zurück blieben riesige, bis heute munitionsbelastete Brachflächen, ein Flugfeld und als eines der wenigen erhaltenen Bauwerke das gigantische Kraftwerk der Heeres- und Luftwaffenversuchsanstalt Peenemünde. Es wurde bis in die Neuzeit weiterbetrieben, versorgte erst einen Marinestützpunkt der Sowjetunion, dann eine Flottille der Volksmarine und ein Jagdfliegergeschwader der NVA, und speiste Strom in das Energienetz der DDR.

Nach der Wende endete die militärische Nutzung. Das Kraftwerk wurde stillgelegt und beherbergt heute das Historisch-Technische Museum Peenemünde, auf dessen Freigelände die vermeintlichen Wunderwaffen ausgestellt sind. Im Hafen können ein sowjetisches U-Boot und ein ehemaliges Raketenschnellboot der DDR-Volksmarine besichtigt werden.

Raketentag im alten Kraftwerk

April 2026 | Es hat ein paar Jahre gedauert, bis wir wieder in Peenemünde sind. Doch heute ist endlich Ausflugstag und wir haben viel Zeit für unseren Besuch eingeplant. Bereits auf den ersten Blick hat sich einiges verändert. Ruinen, Schutt und andere Hinterlassenschaften der ehemaligen Kaserne wurde fortgeräumt und haben ansehnliche Freiflächen hinterlassen, anderes wurde saniert, vieles neu gebaut. Zwischen Kraftwerk und Hafen gibt es einen großen Parkplatz, von hier schlendern wir zunächst zur Anlegestelle.

Auf der anderen Seite des Hafenbeckens liegt das Museumsschiff „Hans Beimler“, das einst zur Flottille der Volksmarine auf Rügen gehörte. Nach links geht es zum sowjetischen U-Boot, das vor mehr als 60 Jahren begann, mit seinen Torpedos in der Ostsee auf Patrouille zu gehen. Wer mag, kann es gegen Gebühr betreten und einen Blick in Kommandoraum und Kapitänskajüte werfen. Wir bleiben an Land und staunen, wie groß die Rostlöcher im Rumpf inzwischen geworden sind.

Wir wenden uns nun dem Kraftwerk zu und gehen zum Eingang des Museums. Dafür müssen wir das Gelände einmal in seiner ganzen Länge abschreiten und haben dadurch Zeit, uns die Dimensionen des Klinkerbaus samt Förderanlage mit Kran bewusst zu machen. Gebaut wurde sie als Energiezentrale für ein Forschungszentrum, das gleichermaßen gigantisch war. In der Bunkerwarte, einstmals Schaltwarte und Luftschutzraum mit meterdicken Betonwänden, geht es ins Museum hinein und wir starten unseren Rundgang.

Auf dem Freigelände stehen die beiden sogenannten Vergeltungswaffen. Die V1 ist die erste Flügelbombe der Welt, Marschflugkörper sagen wir heute dazu. Bei der V2 handelt es sich um den ersten Flugkörper, der die irdische Atmosphäre verlassen konnte, eine ballistische Rakete großer Reichweite. Die freizügige Dame in der Mondsichel, deren Bild die Außenhaut der aufgestellten Rakete ziert, soll historisch verbürgt und ein Fingerzeig darauf sein, dass schon damals die Sehnsucht nach der Eroberung des Weltraums mitschwang. Das kommt mir etwas romantisierend vor, zunächst einmal stehen wir vor einer todbringenden Waffe.

Als Nächstes schauen wir in die riesenhaften Kraftwerkshalle, die an ein Stahlwerk erinnert. Hier gibt es einen Veranstaltungssaal, Ausstellungsräume und einen gläsernen Lift aufs Dach. Von der Aussichtsplattform in 30 Metern Höhe hat man einen erstklassigen Blick über das Versuchsgelände, den Hafen, das Achterwasser und die Greifswalder Bucht der Ostsee.

Ein paar Minuten setzen wir uns ins Kino, wo Zeitzeugen persönliche Anekdoten von den Annehmlichkeiten des privilegierten Lebens in der Versuchsanstalt erzählen, während andernorts der Krieg tobte. Von hier gehen wir ins Museum, wo die Geschichte des Ortes dokumentiert ist.

Es ist ein musealer Balanceakt, dieses Erbe angemessen zu präsentieren. Da ist zum einen der Forschungserfolg: Von Peenemünde aus flog zum ersten Mal ein Flugkörper bis ins Weltall. Doch im Fokus stand ein anderes Ziel: Die hier konstruierten Waffen sollten eine neue Dimension von Tod und Zerstörung über den Ärmelkanal nach London und in andere feindliche Städte tragen. Die Alliierten versuchten nach Kräften, den Bau der Raketen zu stören, doch trafen ihre Bomben auch Hunderte ausgezehrte Arbeitssklaven, für die hier keine schützenden Bunker vorgesehen waren. Nach dem Krieg besetzte die Rote Armee das Gelände, brachte Technik und Know-how in die Sowjetunion. Die Amerikaner sicherten sich die klügsten Köpfe, allen voran Wernher von Braun, und schon bald sollte die nächste Runde im Wettrüsten beginnen.

Ambivalente Denkanstöße gibt es im Minutentakt. Die Mitarbeiter genossen nach der Arbeit ihre Jugend beim Segeln, während gleichzeitig Zwangsarbeiter in Lager eingepfercht und von Soldaten bewacht wurden. Forscher stellten sich in den Dienst des Bösen. Moderne Technik und bahnbrechende Erfindungen gerieten in skrupellose Hände. Deutsche Gründlichkeit und Disziplin ersetzten Gewissen und Schuldgefühl. Wissen aus Peenemünde verhalf dem Sputnik der Sowjets in die Erdumlaufbahn und brachte die Apollo-Astronauten auf den Mond. Hätte die Menschheit das alles nicht auch ohne die vielen Opfer erreichen können? Nach dem Rundgang durch das Museum muss man erst einmal durchatmen.

Zaungäste im Inselnorden

Mai 2008 | Es ist schon eine ganze Weile Nachmittag, als wir in Peenemünde ankommen. Leider haben wir uns recht spät für den Abstecher entschieden, deshalb schauen wir uns nur am Hafen und dem Vorgelände am Kraftwerk um. Von einem Besuch des Museums rät uns der Verkäufer am Ticketschalter ab. Für einen sinnvollen Rundgang bräuchten wir viel mehr Zeit, als bis zur Schließung der Tore bleibt. Also bleiben wir Zaungäste und vertagen unseren Rundgang bis zum nächsten Besuch auf Usedom.

Peenemünde fühlt sich für mich nicht wie ein Ausflugsziel an, eher wie eine Gedenkstätte für einige der dunklen Kapitel deutscher Vergangenheit. Wer hätte nicht schon davon gehört?

Erst kam die Wehrmacht, nahm sich den Nordzipfel der Insel und er blieb militärisches Sperrgebiet, bis die DDR zu Ende ging. In dieser Zeitkapsel vermengen sich ein heißer und ein kalter Krieg, Rüstungswahn und Innovationskraft, menschliches Leid und technischer Fortschritt. Heute sind Zäune und Posten verschwunden, man kann vorfahren, bis an das alte Kraftwerk, einem massigen Bau mit Klinkerfassade und schmalen Fensterschlitzen. Auf der Freifläche daneben steht der Zweck des Ganzen, die hier in der Versuchsanstalt – geheim und koste es, was es wolle – entwickelte Rakete. Auf dünne Stahlstreben gestellt, aufrecht und spitz in den Himmel weisend, mit ihrem markanten schwarz-weißen Karomuster auf der Außenhaut: die Vergeltungswaffe, die V2, die eine neue Waffengattung begründet und das Zeitalter der Raketen begründet hat.

Was hier in Peenemünde geschah, beeinflusste die Weltgeschichte. Viele Spuren gibt es nicht mehr, doch sie hätten vermutlich auch nicht als Attraktionen getaugt. Die wenigen Gebäude, einige Bunker und Ruinen, viele Fundamentreste sind Erinnerungsstücke genug. Wir schauen uns ein paar leerstehende Kasernengebäude aus Wehrmachtzeiten an, in denen bis 1990 noch NVA-Soldaten untergebracht waren.

Im Hafen liegt die U-461, ein Unterseeboot der ehemaligen Baltischen Rotbannerflotte, vor Anker. Ein dunkelgrauer, riesenhafter Koloss aus Stahl, mit bedrohlich ausgefahrenen Abschussröhren und rotem Sowjetstern an den Aufbauten. Zwei Schlepper, so ist an einer Info-Tafel zu lesen, brachten das konventionell angetriebene U-Boot erst 1998 hierher. Es scheint verrückt, welche Unmengen an Energien und Ressourcen die Menschheit auf die Möglichkeit verwendet, sich gegenseitig mit Krieg zu überziehen. Und wenn man bedenkt, wie viele Waffen es gibt auf der Welt! Was hätte man mit all dem Material und der für Herstellung, Unterhalt und Betrieb verpulverten Lebenszeit für dieses einzige U-Boot nicht alles an Nützlichem bewerkstelligen können?

Wir gehen auf verwilderten Wegen, stehen vor Geisterhäusern mit vernagelten Fenstern, blicken auf überwucherte Mauern und Müllberge. Was einmal war, scheint fort, ist wie ein böser Spuk verschwunden. Ob sich eine friedliche Zukunft hierher traut?

Siehe auch: #inselusedeom / #ostseeregion
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(c) Lutz Schafstädt – 2026

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