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“Der Sündenfall”

Veröffentlicht in der Kurzgeschichtensammlung “Expedition”.

Eine Kurzgeschichte über schlimme Wörter, die Kinder in der Schule benutzen und die Lehrerin mit einer Extra-Lektion auf den Plan rufen:

Mit dem Klingeln ist die Hofpause zu Ende. Lärmend drängen die Kinder ins Schulhaus zurück. Paul, dritte Klasse, ist ganz vorn mit dabei. Er hat es besonders eilig, stürmt die Treppe hinauf, rechts um die Ecke, den Flur entlang, links durch die Tür in den Klassenraum und direkt ans Fenster. Unten auf der Dorfstraße tuckert sein Papa vorbei. Paul hat ihn herbeigesehnt, am Schulhofzaun Ausschau gehalten und ihn von dort um die Ecke biegen sehen. Jetzt macht er die Fensterflügel weit auf und beugt sich hinaus. Es ist ein großer Moment, denn Papa fährt zum ersten Mal mit seinem neuen Traktor auf die Felder. Alle Traktoristen der LPG „Frieden“ hatten ihn haben wollen, den nagelneuen roten Belarus MTS 50, Baujahr 1969, 55 PS, doch nun ist es sein Papa, der, mit zwei rumpelnden Anhängern im Schlepp, vor der Schule vorbeifährt. Paul freut sich, ihn nicht verpasst zu haben. Und er ist stolz. Er winkt mit beiden Armen und als sein Gruß mit quäkender Hupe erwidert wird, klatscht er begeistert in die Hände.

“Komm schnell, Franki”, ruft er in den Raum, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Mein Papa und sein Russe sind da.“ Doch sein Banknachbar reagiert nicht, stattdessen meldet sich die schlaue Inge vom Fenster nebenan: „Russe sagt man nicht.“ Paul verdreht die Augen, für Klugschwätzer hat er jetzt keine Zeit. Was weiß denn Inge, worum es gerade geht. „Franki!“, ruft er und dreht sich zum Raum um. Wo ist der nur, er verpasst doch alles. 

Vor dem Lehrertisch herrscht Tumult. Zwischen vielen Köpfen kann er Franks schmales Gesicht erkennen. Er sieht wütend aus, sein Haar ist zerzaust. Er ruft der langen Doris etwas zu, das im Getümmel nicht zu verstehen ist. Doris zerrt ihn am Pullover, Frank greift nach ihrem Zopf. Sie stößt ihn gegen die Tafel, rennt zwischen den Tischen entlang, greift sich Franks Federtasche, wirft sie im hohen Bogen nach vorn, wo sich schon Hände danach strecken und das Wurfgeschoss flink zu Doris zurückspielen. Frank poltert hinterher, reckt sich vergeblich. Er ist zu langsam, Doris zu groß.

Das Geschehen verlagert sich an die Tür. Paul sieht, wie Wut und Verzweiflung in Frank überkochen. Hochrot ist sein Kopf, die Halsader quillt hervor. Doris lacht ihn aus. Frank holt tief Luft. Was kann er tun, in dieser ausweglosen Lage? Er kneift Augen und Lippen zusammen, sucht angesichts seiner Ohnmacht nach dem schlimmsten Wort, das er zu sagen im Stande ist, und dann schleudert er es heraus: “Du alte Fot…”
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