„Revolutionärer erster Mai“, höre ich beim Frühstück im Radio. Der Feiertag ist eine Top-Meldung wert, weil es Ärger gab.
Bei uns, also ganz früher, hier im Osten, war der 1. Mai ein „Internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse“. So der Untertitel. Die Werktätigen und überhaupt alle vom Kind bis zum Greis waren aufgefordert, fröhlich und selbstbewusst zu bekunden, dass sie sich von diesem Ehrentag beflügelt fühlten. Mit einer Kundgebung. Bei einem Umzug, am besten an einer Tribüne vorbei, mit Festwagen (geschmückt bis an die Grenze zum Karneval), Fahnen und Transparente schwenkend. Wegen der Verbundenheit, wegen der positiven Bilanz, wegen allem Guten unter der Sonne, das wir bewirkt haben und zu dem wir uns beglückwünschen. Aber lassen wir die Hohlheiten ruhen. Nach der jährlichen Demo, die Winkelemente waren bereits wieder eingesammelt, gab es Bockwurst, Bier und Geselligkeit, eine richtige Feier, eine Art Frühschoppen mit den Kollegen und Nachbarn. Das Kämpferische des 1. Mai kam nicht mehr zur Sprache, dieser Aspekt wurde schließlich an allen anderen Tagen im Betriebskollektiv erledigt. Weil Arbeitsplatz gleich Kampfplatz. Rote Nelke zur Seite, Hammer und Sichel in die Hand. Für Frieden und Sozialismus sowieso, aber auch, damit endlich wirklich etwas besser werde. Ganz früher war das, wie gesagt.
Heute heißt der 1. Mai „Tag der Arbeit“. Da rufen die Gewerkschaften ihre Gefolgschaft vor die Bühnen auf den Marktplätzen. Dort verkünden sie laut, was die, die Arbeit nehmen, sich sonst immer nur leise wünschen. Das Paradox, nach dem sie nur Nehmer seien, wird auch in diesem Jahr nicht aufgelöst. Ihre Chefs wissen warum. Sie sind die, die ihnen Arbeit geben, solange die Rendite stimmt. Sie stehen mit auf dem Podium, mimen den aufmerksamen Zuhörer und versichern in ihren unverbindlich gehaltenen Grußworten, unentwegt nach Möglichkeiten zu suchen, jeden Wunsch zu erfüllen. Doch leider, leider ist das nicht so einfach. Wir wissen doch alle: der Wettbewerb, die Steuerlast, der Sozialstaat. Da gibt es Handlungsbedarf, sind uns die Hände gebunden …
Die Politik ist gemeint. Parteivertreter treten ans Mikrofon. Ihr Wort hat entsprechend dem Wählerwillen unterschiedliches Gewicht. In jedem Falle aber packen sie die Beschäftigten und die Unternehmer zu Tarifpartnern zusammen und ermahnen sie zur Vernunft und Weitsicht. Dann gedenken sie, in einem Moment der Ergriffenheit, der Arbeitskämpfe der Vergangenheit. Zum Glück brauchen wir sie heute nicht mehr, die Kämpfe. Wegen der Demokratie und dem Interessenausgleich. Prolet ist zum Schimpfwort verkommen, Kapitalist sagt man nur noch zum Scherz. Wir reden und verhandeln zivilisiert miteinander, sind offen für alle Fragen und entscheiden klug. Und habt ihr etwas nicht verstanden, erläutern wir euch geduldig und in einfachen Worten wie komplex die Welt ist. Gerade in dieser Frage müssen wir besser werden. Verlasst euch darauf, wir haben das Ganze im Blick. Ein Hoch auf alle, die morgens aufstehen. Danke für euer Vertrauen, wir sehen uns im nächsten Jahr.
Dafür gibt es Applaus – teils zustimmend, teils dankbar für das Aufhören. Schnell noch am Infostand einen sozialdemokratischen Kugelschreiber holen, einmal am konservativen Glücksrad drehen und dann ab in den wohlverdienten Feiertag.
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, es gibt am Tag der Arbeit nichts wirklich Wichtiges zu besprechen und die Sache sei nur ein lieb gewordenes Ritual. Alles könnte so schön sein, gäbe es da nicht die Störenfriede aus den Berliner Problemkiezen. Typisch, wie immer. Kaputte Schaufenster, demolierte Autos, qualmende Mülltonnen. Doch wen wundert es, wenn an sozialen Brennpunkten auch einmal gezündelt wird? Auch die Randale am 1. Mai in Kreuzberg sind scheinbar eine Tradition.
Der Radiomoderator beklagt sinnlose Zerstörung und rohe Gewalt. Er lobt das konsequente Vorgehen der Polizei, deren Deeskalationskonzept voll aufgegangen sei. Chaoten, Autonome, Radikale, Linke, Aufrührer, Plünderer, Anarchos wurden in ihre Schranken verwiesen. Die friedlichen Bürger können wieder auf die Straße. Keine Gefahr mehr, die Aufräumarbeiten gehen voran. Wie jedes Jahr. Um welche Probleme, Konflikte oder Forderungen es ging, bleibt auch diesmal weitgehend unerwähnt. Worauf waren die Revoluzzer aus? Fragen, die keiner aufwirft, müssen nicht beantwortet werden. Sie bleiben als Funken für die Feuer des nächsten Jahres. Der Sprecher im Radio ist schon eine Meldung weiter.
„Revolutionäre Maidemo“, sage ich halblaut vor mich hin. „Revolutionär. Schönes Wort. Gefällt mir.“
„Schon klar“, sagt meine Frau. „Das liegt sicher daran, weil Lutz darin vorkommt.“
Nun bin ich verdutzt, brauche eine Sekunde, bis es Klick macht. Revolutionär. Revolution. Aber ja, da bin ich mit meinem Vornamen mittendrin. Witzige Sache. Mein Name und ich, wir sind immer dabei, beim Welt umkrempeln, Unrecht beenden, Neues wagen. Doch halt, so ganz geht die Sache nicht auf. Ich lache trotzdem erstmal.
„Stimmt nicht, es klingt nur danach“, erwidere ich. „Ich komme bei so tiefgreifenden Umwälzungsversuchen nicht vor. Die einzige Revolution, mit der ich je zu tun hatte, nannte man schon damals friedlich.“
(c) Lutz Schafstädt – 2026
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