Sie steht etwas abseits vom Gutsschloss auf einer sanften Erhebung am Parkrand. Ringsum sprießt das Grün, die Knospen der Obstbäume sind prall, erste Blüten zeigen sich zaghaft der Aprilsonne. Die alte Stieleiche in der Mitte der Lichtung scheint ohne Leben. Doch sie ist nicht tot.
Seit vermeintlich tausend Jahren treibt sie in jedem Frühling aus. Die Zahl der Jahre ist geflunkert, doch uralt sieht dieser Baum wahrlich aus. Die einst prächtige Krone ist geborsten, selbst die als Stützen angelegten Eisenbügel kleben heute wie verrostete Fesseln am abgebrochenen Holz. Einige wenige Äste greifen noch nach dem Himmel und verbreiten mit ihren bizarr tastenden Zweigen die Aura eines verwunschenen Zauberbaums. Sie ragen aus einem gedrungenen Stamm von beträchtlichem Umfang heraus und sind umgeben von den Stümpfen benachbarter Äste, die den Stürmen der Zeit nicht widerstanden haben. In sich verdreht wirkt der Stamm, von Narben übersät und geschunden seine Rinde. Ein Baumveteran mit Charakter ist er, mit dunkler Silhouette vor eine frühlingsblaue Kulisse gestellt. Bei diesem Bild verwundert es nicht, dass sie landläufig die tausendjährige Eiche genannt wird.




Diese Stieleiche muss einmal eine Schönheit gewesen sein. Dann haben Stürme, die Zeit oder die Last ihrer eigenen Krone für das Ihre gesorgt. Geblieben ist ein Zauberbaum mit verästeltem Stumpf. Ein Blickfang, ideal geeignet als Nistplatz für Märchen und Legenden. Was sie wohl erzählen würde, wenn sie sprechen könnte? Wer hat sie gepflanzt? Wem ist sie begegnet? Die Geschichten eines langen Lebens, an das sie sich noch immer in jedem Frühjahr mit frischen Trieben klammert.
Man glaubt ihr die tausend Jahre sofort. In Wahrheit jedoch wurde sie um das Jahr 1790 gepflanzt. Damit ist sie noch nicht einmal 250 Jahre alt. Das lässt hoffen, dass ihr bei guter Pflege noch ein paar belaubte Jahre als Naturdenkmal im Park vergönnt sind.
Siehe auch: #potsdamerleben / Unterwegs: Schlosspark und Heilandskirche
(c) Lutz Schafstädt – 2023
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