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Ikarus am Teltowkanal

Ich begegnete ihm bei einem Sonntagsspaziergang. Den Abschnitt zwischen Griebnitzsee und, an Teltow vorbei, bis zur Wismarer Straße haben wir schon oft auf allen Uferwegen erkundet, diesmal wollten wir ein Stück weiter nach Berlin hinein. Von der Königsberger Straße zum Schlosspark Lichterfelde und auf der anderen Seite des Teltowkanals wieder zurück, das sind etwa zwei Kilometer. Keine Herausforderung, ein Spaziergang eben. Wir warteten noch einen Schub Novemberregen ab, dann lockerten die Wolken auf und wir konnten los.

An einer alten Treidellok im Glaskäfig vorbei geht es in eine weitläufige Grünanlage. Der Weg heißt Eduard-Spranger-Promenade, nach einem Professor benannt, der aus Lichterfelde stammt und sich als Geisteswissenschaftler um die Bildung in Deutschland verdient gemacht hat. Die Promenade präsentiert sich als idyllische Parkallee, die direkt zum Lilienthal-Denkmal führt, dem Fundstück, von dem ich erzählen will.

Auf einer von Hecken gesäumten Freifläche steht Ikarus auf einem hohen Sockel. Er hat die Flügelarme ausgebreitet, blickt erwartungsvoll in den Himmel, seine Bronzehaut ist regennass. Ein Jüngling ist er, überlebensgroß und splitternackt, mit anatomischer Sorgfalt geformt. Seine Schwingen sind Vogelflügeln nachempfunden, er hält sie den Lüften entgegen, die ihn tragen sollen. Der alte Menschheitstraum vom Fliegen. Ikarus erfüllte ihn sich, um in die Freiheit zu gelangen, doch wir wissen: Er wird mit seinen von Wachs zusammengehaltenen Flügeln der Sonne zu nahe kommen und in den Tod stürzen. Der griechische Mythos ist gleichzeitig ein Fingerzeig auf das tragische Schicksal Lilienthals, dem sein Entdeckerdrang letztlich ebenfalls das Leben gekostet hat.

Ein eindrucksvolles Kunstwerk voller Dynamik. Im Ikarus steckt viel Jugendstil, er strotzt vor Jugend und Tatkraft. Der Sockel darunter mutet dagegen eher an wie ein Kriegerdenkmal. Zum Glück gibt es das Relief von Lilienthal und die Inschriften, das macht die Pyramide als Startplatz akzeptabel. Insgesamt ein würdiger Gedenkort.

Ursprünglich war die gesamte Parkanlage auf das Lilienthal-Denkmal ausgerichtet. 1914, unmittelbar vor Ausbruch des Krieges, wurde es feierlich eingeweiht. Für das Projekt war ein Komitee gegründet worden, es wurden Spenden gesammelt und der angesehene Bildhauer Peter Breuer mit der Ausführung beauftragt.

Ich finde bemerkenswert, welchen besonderen Rang der Anerkennung man damals schon kurz nach seinem Tod Otto Lilienthal zugestand. Er war zweifellos ein berühmter Mann, hatte richtungsweisende Entdeckungen gemacht, doch damals konnte niemand voraussehen, welch rasante Entwicklung Flugmaschinen nehmen würden. Gerade erst war der Motorflug geglückt, noch waren Flugzeuge eher waghalsige Konstruktionen. Vermutlich war es der Geist der Zeit, den technische Umwälzungen und Innovationen prägten. Es war die große Ära der Ingenieure und des Fortschritts. Man war optimistisch und erwartungsvoll. Was Lilienthal betraf, so war man sich offenbar einig, dass er das Tor zu ungeahnten Möglichkeiten aufgestoßen habe. Dank ihm konnte der Mensch nun fliegen, da durfte man schon einmal von einer Zukunft zwischen den Wolken träumen, bevor noch irgendjemand das Wort Luftfahrtindustrie zum ersten Mal ausgesprochen hatte. Das war schon ein Denkmal wert.

Was zu diesen Gedanken über den Geist der Zeit vor dem Weltkrieg noch gehört: Auch der Teltowkanal, nur wenige Meter entfernt, war eben erst gebaut worden. Dort zogen Treidelloks an langen Stahltrossen die Lastkähne mit Elektrokraft die neue Verkehrsader entlang. Das war Moderne. In Berlin wuchsen Fabriken und Wohnquartiere, Aufbruchstimmung allerorten. Ein neuer Park wurde angelegt, der einen Ehrenort für den Flugpionier Lilienthal in seine Mitte nahm – „dem Vorkämpfer der Fliegekunst“, wie es auf der Gedenktafel heißt.

Otto Lilienthal, 1848 in Anklam geboren, lebte von 1886 bis zu seinem Tod 1896 in Lichterfelde. Sein Wohnhaus gibt es nicht mehr, aber einen Fliegeberg am Stadtrand, den er für Flugversuche nutzte, und dieses Denkmal. Seit reichlich hundert Jahren steht es hier. Das ist keine lange Zeit, wenn man bedenkt, was sich aus Lilienthals Ideen und Tüfteleien in Sachen Flugwesen bis in unsere Zeit entwickelt hat. Nebenbei ist viel Geschichte passiert: Zahllose Flugzeuge flogen über die Ikarus-Skulptur hinweg, darunter auch solche, die Zerstörung brachten, und Rosinenbomber. Die Schäden, die Krieg, Vandalismus und der Zahn der Zeit zufügten, wurden bei der letzten Restaurierung im Jahre 2012 beseitigt und zerstörte Elemente, wie der Portraitkopf Lilienthals am Sockel, rekonstruiert.

Ich habe bei diesem Spaziergang zum ersten Mal von dem Denkmal Notiz genommen. Den Spuren des Wirkens von Otto Lilienthal bin ich natürlich bereits vorher begegnet. Zum Beispiel auf dem Mühlenberg in Derwitz bei Werder (Havel), wo der allererste Flug geglückt sein soll. Auch in Stölln war ich schon, dem, wie es heißt, ältesten Flugplatz der Welt, auf dem die „Lady Agnes“, eine IL-62 der Interflug, ihre letzte und spektakuläre Landung aufs Feld gelegt hat. Auf dem Fliegeberg, also beim Lilienthalpark in Lichterfelde, war ich noch nicht. Das habe ich schnellstmöglich nachgeholt.

Siehe auch: #ottolilienthal / Unterwegs: Der Lilienthalpark in Lichterfelde

(c) Lutz Schafstädt – 2021
Hier kannst du weitere Fundstücke finden.



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